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Anomie
 
Anomie bedeutet dem Wortsinn nach "Normlosigkeit" und ist ein Zentralbegriff der sozialstrukturellen Kriminalitätstheorien, die kriminelles Verhalten aus der Makrostruktur einer Gesellschaft erklären.
 
Der Begriff taucht erstmals bei dem französischen Soziologen Emile Durkheim (1858-1917) in dessen Werk "Über die soziale Arbeitsteilung" auf (1893) und wird später am Beispiel des anomischen Suizides in "Der Selbstmord" (1897) konkretisiert. Mit Blick auf kriminelles Verhalten sind Durkheims Ausführungen in den "Regeln der soziologischen Methode" (1895) von besonderem Interesse. Ausgangspunkt für Durkheims Entwicklung des Anomiebegriffs ist die Überlegung, dass gesellschaftliche Integration nur über ein die prinzipiell unbegrenzten Triebe und Bedürfnisse der Individuen in Zaum haltendes gemeinsames Kollektivbewusstsein ("Conscience collective") möglich sei, in dem die für die Gesellschaft maßgeblichen Normen und Werte verkörpert sind. Dieses Kollektivbewusstsein vermittele den Mitgliedern der Gesellschaft einerseits Orientierungssicherheit und erzeuge andererseits ein Gefühl der Solidarität. Für die französische Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelangt Durkheim zu der Erkenntnis, dass der allgemeine zivilisatorische Fortschritt in Richtung auf eine in verschiedene ungleichartige Organe ausdifferenzierte Gesellschaft die vorherige aus gleichartigen Elementen bestehende segmentäre Gesellschaft abgelöst habe. Die für die segmentäre Gesellschaft typische und durch die Ähnlichkeit ihrer Teile gewährleistete "mechanische Solidarität" sei noch nicht durch eine für die moderne arbeitsteilige Gesellschaft kennzeichnende "organische Solidarität" ersetzt worden. Infolgedessen seien gesellschaftliche Krisenphänomene wie ein deutlicher Anstieg des Alkoholismus, der Prostitution, des Suizides, aber auch übermäßig steigende Kriminalitätsraten zu beobachten. Mit Blick auf das Phänomen der Kriminalität bedeutet der Begriff der Anomie daher nicht das Auftreten krimineller Verhaltensweisen als solcher, sondern allein einen Kriminalitätsanstieg, der über das - von Durkheim allerdings niemals konkretisierte - normale Maß hinausgeht, da nur ein solcher Anstieg Ausdruck für eine Schwächung des Kollektivbewusstseins und für drohende gesellschaftliche Desintegration ist. Ein das Normalmaß nicht übersteigendes Kriminalitätsvolumen ist demgegenüber das genaue Gegenteil von Anomie. Durkheim betont, dass Kriminalität nicht nur ein grundsätzlich normaler Bestandteil der sozialen Struktur, sondern sogar funktional für die Gesellschaft sei, da durch die auf eine Straftat folgende Strafe das beeinträchtigte Kollektivbewusstsein wieder bestärkt werde. Verbrechen und Strafe fungierten insoweit als Beitrag zur gesellschaftlichen Integration, womit Durkheim zugleich eine soziologische Begründung für die Straftheorie der positiven Generalprävention liefert, die sich jedoch einem empirischen Nachweis entzieht. Durkheim geht noch einen gedanklichen Schritt weiter, indem er hervorhebt, dass das Kollektivbewusstsein nicht zu stark sein dürfe und eine Anpassung des moralischen Bewusstseins an geänderte gesellschaftliche Verhältnisse und damit sozialer Wandel möglich sein müssten. Dies schließe die prinzipielle Möglichkeit kriminellen Verhaltens ein, wobei das Verbrechen im Einzelfall eine künftige im Kollektivbewusstsein verkörperte Moral antizipieren und daher sogar zum Schrittmacher gesellschaftlichen Fortschritts werden könne. In den späten 30er Jahren des 20. Jahrhunderts nimmt der amerikanische Soziologe Robert K. Merton (1910-2003) den Begriff der Anomie wieder auf. Für seine Analyse des Anomiebegriffs differenziert er zwischen der kulturellen und der sozialen Struktur einer Gesellschaft und untersucht sodann den funktionalen Zusammenhang dieser beiden Ebenen. Unter kultureller Struktur versteht Merton einen Komplex gemeinsamer Wertvorstellungen, der das Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft oder einer Gruppe regelt und hierbei insbesondere gesellschaftliche Ziele ("Goals") sowie die als legitim erachteten institutionellen Mittel ("Means") zur Erreichung dieser Ziele umfasst. Die soziale Struktur beschreibt den Komplex sozialer Beziehungen, in die die Mitglieder einer Gesellschaft oder einer Gruppe eingebunden sind. Während Durkheim Anomie in erster Linie als Schwächung des normativen Gefüges in einer Gesellschaft versteht, führt Merton Anomie auf eine Störung des funktionalen Zusammenhanges beider Ebenen zurück: Stünden kulturelle und soziale Struktur in einem Widerspruch zueinander, so werde auf das Individuum ein Druck ("Strain") zu abweichendem Verhalten ausgeübt, der gesellschaftlich desintegrierend wirkt.
 
Insbesondere für die von ihm untersuchte US-Gesellschaft der 30er Jahre gelangt Merton zu der Erkenntnis, dass das von sämtlichen sozialen Schichten geteilte kulturelle Ziel des (ökonomischen) Erfolgs der sozialen Struktur nach mit institutionell als legitim erachteten Mitteln (Intelligenz, Leistungsbereitschaft) nur für wenige Gesellschaftsmitglieder erreichbar sei. Vor diesem Hintergrund resümiert Merton, dass eine amerikanische Haupttugend - das Streben nach Erfolg - ein amerikanisches Grundübel - abweichendes Verhalten - verursache.
 
Aus dem Gegensatz zwischen kultureller und sozialer Struktur entwickelt Merton eine Typologie von fünf Reaktionsformen auf anomischen Druck, bei der prinzipiell die Möglichkeit eines Wechsels von der einen zur anderen Reaktionsform bestehe. Die Voraussetzungen, unter denen sich ein Individuum für die eine oder andere Reaktionsform entscheidet, werden von Merton hierbei allerdings nicht näher erläutert. Während die Reaktionsform der "Konformität" dadurch gekennzeichnet ist, dass gleichermaßen die kulturellen Ziele wie die zur Zielerreichung als legitim erachteten institutionellen Mittel akzeptiert werden, zeichnet sich die vornehmlich kriminelles Verhalten beschreibende Reaktionsform der "Innovation" dadurch aus, dass zwar die kulturellen Ziele, nicht aber die institutionellen Mittel anerkannt werden, sondern vielmehr illegitime Mittel zur Zielerreichung eingesetzt werden. Die Kategorie des "Ritualismus" erfasst die Ablehnung des kulturell vorgegebenen Ziels bei gleichzeitiger Akzeptanz der institutionellen Mittel: Das Individuum versucht hier, dem anomischen Druck durch ein Senken des eigenen Anspruchsniveaus bei gleichzeitig zwanghafter Orientierung an den institutionellen Mitteln zu begegnen. Die Reaktionsform des "Rückzugs" ist dadurch geprägt, dass sowohl die kulturell vorgegebenen Ziele als auch die institutionellen Mittel abgelehnt werden, was zu Anpassungsformen wie Alkoholismus, Rauschgiftsucht oder Nichtsesshaftigkeit bzw. Obdachlosigkeit führt. Schließlich werden in der Reaktionsform der "Rebellion" die kulturellen Ziele und institutionellen Mittel nicht nur abgelehnt, sondern jeweils durch andere ersetzt, wodurch ein Phänomen wie Terrorismus erklärt werden kann.
 
Der Vorzug dieses Ansatzes liegt darin, dass nicht länger "Armut" an sich als kriminogener Faktor bezeichnet wird, sondern vielmehr das Spannungsverhältnis zwischen kultureller und sozialer Struktur in das Zentrum der Analyse gelangt. Gleichwohl geht auch Merton noch davon aus, dass der größte anomische Druck auf der Unterschicht laste, so dass dort ein überproportional hoher Anteil kriminellen Verhaltens zu lokalisieren sei. Für diese These stützt sich Merton empirisch ausschließlich auf Daten offiziell registrierter Kriminalität, ohne sich Erkenntnisse der Dunkelfeldforschung zunutze zu machen. Tatsächlich wurde die von Merton vertretene "Unterschichtthese" niemals empirisch erhärtet, zumal ein kulturelles Ziel wie das Streben nach finanziellem Erfolg seiner Natur nach prinzipiell unbegrenzt ist und deshalb in sämtlichen sozialen Schichten anzutreffen sein dürfte. Überdies erscheint zweifelhaft, ob die US-amerikanische Gesellschaft der 30er Jahre tatsächlich in der von Merton beschriebenen Weise durch homogene kulturelle Werte geprägt war; jedenfalls für heutige Gesellschaften dürfte die Vorstellung allgemein geteilter kultureller Werte obsolet geworden sein. Der Erklärungsgehalt dieses Ansatzes ist - abgesehen von begrifflichen Unklarheiten - schließlich schon deshalb begrenzt, weil er allenfalls bestimmte Kriminalitätsbereiche insbesondere der Eigentums- und Vermögenskriminalität erklären kann.
 
Literatur
 
- Durkheim, E. 1973: Der Selbstmord. Neuwied und Berlin.
- Durkheim, E. 1999: Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt a.M., 1999.
- Merton, R. K. 1974: Sozialstruktur und Anomie. In: Sack, F.; König, R.: Kriminalsoziologie, Frankfurt a.M., 1974, 283-313.
 
Schlüsselbegriffe
 
Gesellschaftliche Integration
Kollektivbewusstsein
Mechanische/Organische Solidarität
Soziale Struktur
Kulturelle Struktur
Unterschichtthese


Hans Theile
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