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Antipädagogik
 
Mit dem Schlagwort "Erziehung ist Gehirnwäsche" (Eckhard von Braunmühl) wird von kompromißlosen Vertretern der Antipädagogik jegliche erzieherische Einflußnahme auf Kinder und Jugendliche abgelehnt und ein gemeinsames Lernen der Generationen ohne Pädagogisierung und Erziehung verlangt. Zum Hintergrund dieser radikalen Kritik an der Erziehung dürfte auch die Kinderfeindlichkeit zumindest in Teilen der Gesellschaft gehören, die sich z.B. darin ausdrückt, dass jährlich hunderttausende Kinder mißhandelt werden. Die Antipädagogik führt dies auf die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, die sich bis hinein in die Familie auswirken, sowie auf die Isolierung der heutigen Kleinfamilie bei gleichzeitig ständig steigendem Anpassungsdruck zurück.

In abgemilderter Form artikuliert sich eine "Gegenpädagogik" in der Forderung nach einer humaneren Schule, die durch eine "Entschulung der Schule" zu verwirklichen sei. Die seit Anfang der 70er Jahre diskutierte Anti- und Gegenpädagogik wird teilweise als Nachfolgerin der antiautoritären Erziehung Ende der 60er Jahr gesehen. Während sich letztere aber im wesentlichen auf den außerschulischen (z. B. Kinderläden) und den familiären Erziehungsbereich ("repressionsfreie Erziehung") beschränkte, geht es der Anti- und Gegenpädagogik insbesondere um die schulische Erziehung (*Schule). In dem bestehenden Schulsystem wird die weitgehende Institutionalisierung und Bürokratisierung der Erziehung, die Professionalisierung der Erzieher, der erlebnisarme Unterricht und insbesondere die Abtrennung von Schule (als Institution) und Pädagogik (als Methode) von der sozialen und gesellschaftlichen Realität kritisiert. Die Professionalisierung des Lernens führt nach Ansicht der Kritiker des herrschenden Schulsystems zur ausschließlichen Vermittlung abstrakten, praxisfernen Wissens, zur Benachteiligung der Kinder unterer sozialer Schichten, zu unsozialem Verhalten unter den Schülern (Rivalität) und damit indirekt auch zu Kriminalität in der Schule. Die "Entschulung der Schule" soll erfolgen durch die Verbindung von Unterricht und Gesellschaft, von Lernen und Leben und die Vermittlung sozialer Fähigkeiten. Praktisch umgesetzt wurden diese Forderungen z.B. im Grundschulversuch Glocksee in Hannover sowie in der Laborschule und im Oberstufenkolleg in Bielefeld, wo unter der Leitung von Hartmut von Hentig seit 1974 ein durchgängiges Lernsystem erprobt wird, das vom Vorschulbereich bis hin zur Universität reicht und das wesentliche Prinzipien der herkömmlichen Schulerziehung umkehrt.

Literatur:
- Hentig, H. v.: Was ist eine humane Schule? München 1976.
- Schoenebeck, H. v.: Antipädagogik im Dialog, Weinheim 1985.

Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Kriminalistik-Verlages Heidelberg aus der gedruckten Version des Kriminologie-Lexikons, Stand der Bearbeitung: 1991

Thomas Feltes
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