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Antipsychiatrie
 
Unter dem Begriff Antipsychiatrie sind verschiedene Strömungen zu verstehen, die z. T. massive Kritik an der herrschenden Lehrmeinung der Psychiatrie (Krankheitslehre) und deren Praxis (Ausgestaltung der Institutionen sowie Behandlungsmethoden) übten.
 
Die Entstehung der antipsychiatrischen Bewegung ist eng mit der gesellschaftskritischen Studentenbewegung der 60er Jahre verknüpft, die (neo-)marxistisch orientiert war.
 
Dabei ist der Vollständigkeit halber erwähnenswert, dass der Begriff der Antipsychiatrie bereits um 1900 im Zusammenhang mit einer Laienbewegung gebraucht wurde. Deren Ziel bestand darin, die seinerzeit vorherrschenden Missstände, etwa schlechte Behandlung, ungerechtfertigte Internierungen u. ä. anzuprangern und deren Beseitigung anzumahnen. Antipsychiatrie in dem so verstandenen Sinne deckt sich damit nur in geringem Maße mit dem später verwendeten Begriff, der in erster Linie für die Kritik an der damals vorherrschenden, vor allem an einem medizinischen Krankheitsmodell orientierten Lehre der Psychiatrie stand.
Hier wurde bereits die Stellung einer Diagnose (die Zuordnung von Symptomen zu einer Krankheitskategorie, z. B. Schizophrenie) als ein Prozess der Ausgrenzung von "Nicht-Normalem" bzw. "Abweichendem" gebrandmarkt. Was als "abweichend" bzw. in diesem Fall als "psychisch krank" gilt, wird nach dieser Meinung von denjenigen bestimmt, die die Macht in der Gesellschaft besitzen und Unterdrückung ausüben. "Psychisches Kranksein" soll allein aus gesellschaftlichen Problemen resultieren, die als Auswirkungen des "Spätkapitalismus" gelten. So wurde in der Antipsychiatrie der 60er und 70er Jahre vor allem auch der in der Psychiatrie vertretenen Auffassung von "psychischer Störung" bzw. "psychischer Krankheit" heftig widersprochen und zugleich wurden sämtliche psychopathologischen Definitionen bzw. die gesamten psychiatrischen Diagnosen in Frage gestellt.
Nach diesem Verständnis wird eine Psychose, wie etwa die Schizophrenie, nicht als Krankheit mit (nachweisbaren) somatischen Korrelaten interpretiert, sondern letztlich ausschließlich als gesellschaftlich verursachtes Phänomen. Ein medizinisch-naturwissenschaftlich geprägtes Verständnis von Psychosen wird somit vollständig negiert.
Damit waren auch die herkömmlichen Behandlungsmethoden der Psychiatrie obsolet, nach dem Motto: "Krank ist die Gesellschaft, nicht das Individuum". Die Veränderung der Gesellschaft wurde damit zum vorrangigen "therapeutischen" Ziel. Folgerichtig war also nicht an der Veränderung des Individuums, sondern an der der Gesellschaft anzusetzen.
 
Dementsprechend wurde eine Behandlung mit Psychopharmaka sowie mit Elektroschocks nachdrücklich verurteilt und als Gewaltanwendung gewertet. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass sich unter den Kritikern der herkömmlichen Psychiatrie bzw. den Vertretern der Antipsychiatrie hauptsächlich Gesellschafts- bzw. Sozialwissenschaftler (z.B. Foucault, ein französischer Philosoph), dagegen selten Psychiater befanden. So standen sich einerseits also medizinisches und psychiatrisches Grundlagen- und (in der täglichen Praxis im Umgang mit den Patienten gewonnenes) Erfahrungswissen, andererseits gesellschaftspolitische Meinungen und Behauptungen (ohne entsprechende praktische Erfahrung) gegenüber.
 
Kritik erfuhr weiterhin die Ausgestaltung der psychiatrischen Institutionen: Psychisch Kranke würden häufig (auch zwangsweise) in geschlossenen Einrichtungen unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht, ohne dass Aussicht auf eine Veränderung ihrer Lage bestünde. Als inhuman wurden weiterhin die dort vorherrschenden hierarchischen Strukturen betrachtet, die die in der Gesellschaft dominierenden Machtverhältnisse abbilden würden. Der Begriff der "totalen Institution" wurde in diesem Zusammenhang von Goffman eingeführt. Psychiatrische Kliniken - ebenso Gefängnisse - seien also Institutionen, in denen für längere Zeit aus der Gesellschaft ausgeschlossene Individuen - seien es psychisch Kranke oder Strafgefangene - wohnen und arbeiten, um ein formal reglementiertes Leben zu führen.
 
Die Antipsychiatriebewegung propagierte konsequenterweise eine De-institutionalisierung. Missbilligt wurde also eine stationäre Behandlung. Allein der Wegfall der Verhältnisse in der Psychiatrie sollte zur Beseitigung der "Störungen" führen. Diese Forderung nach Deinstitutionalisierung wurde bereits sehr früh erhoben und danach in der Praxis umgesetzt. Noch heute gibt es entsprechende Einrichtungen, die sich in Opposition zur herkömmlichen Psychiatrie positionieren (etwa das so genannte "Weglaufhaus"). Ihre Bemühungen richten sich an Personen, die auf der Suche nach Alternativen zum psychiatrischen System sind oder vom psychiatrischen System betroffen sind. Nach dem Konzept des "Weglaufhauses" soll kein Zwang bei der Behandlung ausgeübt und keine Psychopharmaka verabreicht werden. Stattdessen sollen Selbstheilungskräfte gestärkt werden (Hilfe zur Selbsthilfe). Dieser Ansatz wird von vielen ausgewiesenen Psychiatriekennern (z.B. Reimer in einer Stellungnahme zu entsprechender Literatur) als nicht auf Sachkenntnis, sondern nur auf Meinungen bzw. Ideologien beruhend, stark kritisiert. Ihr vermeintlicher Erfolg sei empirisch nicht nachweisbar: So werde etwa weder darüber berichtet, wie viele Bewohner des Weglaufhauses doch letztlich in eine Klinik eingewiesen werden mussten, noch in wie weit doch der Einsatz von Psychopharmaka notwendig wurde.
Durch diese Bewertung wird zugleich deutlich, dass heutzutage antipsychiatrische Konzepte nur noch in den Gesellschafts- bzw. Sozialwissenschaften, in der psychiatrischen Medizin dagegen im Prinzip keine Rolle mehr spielen:
Denn der Hauptvorwurf der Antipsychiatrie, wonach psychische Störungen allein aus gesellschaftlichen Problemen heraus zu erklären seien, ist nach neueren Erkenntnissen nicht mehr haltbar. Die somatische Basis von Psychosen lässt sich unter anderem durch Befunde aus der Genetik, der Transmitterforschung sowie der Neuro- und Psychophysiologie erhärten.
 
Gleichwohl hat die Antipsychiatrie durch ihre grundsätzliche Kritik die herkömmliche Psychiatrie herausgefordert und in der Folge bewirkt, dass deren Klassifikation von Krankheiten, überhaupt deren Terminologie, weiter überdacht und sorgfältiger gehandhabt werden. Ebenso hat die Antipsychiatrie zu einer Sensibilisierung für die Probleme psychisch Kranker und deren Versorgungslage beigetragen: Man nimmt jetzt vermehrt das soziale Umfeld des Patienten, z.B. auch Stigmatisierungen, die er erleidet, in den Blick. Ebenso sind auch die Missstände in psychiatrischen Institutionen weitgehend beseitigt worden.
 
Literatur:
 
- Payk,T.R. 2004: Antipsychiatrie - eine vorläufige Bilanz, in: Fortschritte der Neurologie-Psychiatrie 72: 516-522.
- Reimer, F. 2004: Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener, in: Psychoneuro 30, 279. Rechlin, T./Vliegen, J. 1995: Die Psychiatrie in der Kritik: die antipsychiatrische Szene und ihre Bedeutung für die klinische Psychiatrie heute, Berlin, Heidelberg.
- Schott, H./Tölle, R. 2006: Geschichte der Psychiatrie: Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen, München.

 

Sybille Fritz-Janssen
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