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Assimilation
 
1. Begriffsbeschreibung
 
Der Begriff Assimilation leitet sich vom dem lateinischen Wort ‚assimilare’ ab, was im Deutschen mit ‚nachbilden’ oder ‚ähnlich machen’ übersetzt werden kann. Assimilation taucht in nahezu allen Wissenschaften auf und steht jeweils für Prozesse wie Anpassung, Verschmelzung oder Angleichung.
Im sozialwissenschaftlichen und kriminologischen Kontext bedürfen die psychologische (a), die soziale (b) sowie die kulturelle Assimilation (c) einer besonderen Betrachtung.
 
a) Psychologische Assimilation
In der Psychologie gilt Assimilation als die Verschmelzung von zu früheren Zeitpunkten wahrgenommenen Ereignissen, Handlungsabläufen oder Gegenständen mit ebensolchen, die neu hinzugekommen sind. Wenn in diesen Fällen die frühere Wahrnehmung vorherrschend bleibt, resultiert hieraus i.d.R. eine unangemessene Beurteilung der Wirklichkeit. Nach der Assimilations-Kontrast-Theorie von Muzafer Sherif und Carl I. Hovland werden Informationen, welche mit eigenen Wertvorstellungen, Erfahrungen oder Überzeugungen harmonieren, in den vorhandenen Erfahrungsschatz des Wahrnehmenden eingegliedert. Informationen, die nicht in diesen persönlichen Akzeptanzbereich fallen, werden als Fremdkörper abgestoßen (vgl. Greve, 2000, 384ff.).
 
b) Soziale Assimilation
In der Soziologie versteht man unter Assimilation im Allgemeinen die Angleichung innerhalb des Zusammenlebens der Gesellschaft. So gilt als Assimilation auch die Verschmelzung der Traditionen, Gefühle oder Einstellungen Einzelner mit denen der sie umgebenden Gruppe (z.B. Familie, Nachbarschaft, Wohngemeinde) oder – im globalsten Sinne – der Gesamtgesellschaft. Innerhalb einer Gesellschaft beschreibt die Assimilation zudem den durch soziale Auf- und Abstiege erzeugten Übergang in eine andere Schicht oder Klasse.
 
c) Kulturelle Assimilation
Eine besondere Form der sozialen Assimilation stellt die kulturelle Assimilation dar. Sie beschreibt die Anpassung von Minderheiten, im Regelfall Menschen fremder Herkunft, an die Kulturelemente des Aufnahmelandes (Sprache, Werte, etc.). Dieser Prozess kann zum Teil auch gewaltsam verlaufen. Die kulturelle Assimilation wird auch Akkulturation genannt. Abzugrenzen hiervon ist die Integration in der Gesell-schaft, welche lediglich die politische, rechtliche und ökonomische Gleichstellung der Minderheit ohne Verlust ihrer kulturellen Eigenständigkeit beschreibt. Die kultu-relle Assimilation ist ein entscheidender Faktor für das Wachstum der Völker sowie der Religions- und Sprachgemeinschaften. Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurden so regelmäßig kleinere Einheiten durch die Entwicklung von Großstaaten, die politische Ausdehnung oder die Ausbreitung der Weltreligionen zu größeren Einheiten verschmolzen. Es ist jedoch festzuhalten, dass kulturelle Assimilation in der Regel kein einseitiger Prozess ist. So steuert jede Einwanderer- oder Minderheitengruppe einige Elemente ihrer Kultur zur kulturellen Entwicklung der aufnehmenden Gesellschaft bei.
 
Die Wissenschaft hat verschiedene Assimilationstheorien entwickelt. Relevanz besitzen hier einerseits die sog. Stufenmodelle. Ein wesentliches Stufenmodell hat 1957 der australische Psychologe Ronald Taft entwickelt (vgl. Han, 2005). Assimilation ist danach ein Prozess, innerhalb dessen ein Individuum seine Mitgliedschaft von einer Gruppe in eine Gruppe transferiert. Die Normen der aufnehmenden Gruppe stimmen dabei nicht mit denen der abgebenden Gruppe überein. Ronald Taft unterscheidet zwischen pluralistischer, interaktionistischer und monistischer Assimilation. Die pluralistische Assimilation beschreibt ein Nebeneinander unterschiedlicher kultureller Konzepte. Bei der interaktionistischen Assimilation gleichen sich die Gruppen an. Im Rahmen der monistischen Assimilation geht das Einzelindividuum vollständig in der aufnehmenden Gruppe auf und gibt hierbei die Zugehörigkeit zur abgebenden Gruppe auf.
 
Ein weiteres Stufenmodell hat Alain Richardson ebenfalls 1957 anhand der Briten, die nach dem 2. Weltkrieg nach Australien eingewandert sind, entwickelt. Auch Richardson versteht dabei Assimilation als Anpassung einer eingewanderten Minderheit an die Kultur der Mehrheit. Diese Anpassung vollzieht sich in drei Stufen. Sie beginnt mit der Isolation (Festhalten an der Herkunftskultur), setzt sich fort mit der Akkomodation (äußerliche Anpassung) und endet mit der Identifikation (Zugehörigkeitsgefühl). Nach Richardson ist Assimilation mit steigender Aufenthaltsdauer von Minderheiten in einer Gesellschaft unausweichlich. (vgl. Treibel, 2008, 94)
 
Neben den dargestellten Stufen- oder Phasenmodellen findet sich ein Ansatz aus dem Jahr 1964 von Milton M. Gordon. Dieser sah in der Assimilation keineswegs einen mechanisch sich umkehrbar fortsetzenden Prozess. Vielmehr erhalten nach Gordon Minderheiten selten Zugang zu den dominierenden Schichten der Gesellschaft und stagnieren damit meist in den unteren gesellschaftlichen Stufen. (vgl. Han, 2005, 56).
 
In Deutschland steht der Begriff Assimilation immer wieder im Kontext mit der Ausländer- und Gastarbeiterproblematik. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Problematik gilt die Assimilation insbesondere dann als beendet bzw. geglückt, wenn:
- kulturelle Muster der Residenzgesellschaft vollständig übernommen wurden,
- in starkem Maße Eheschließungen zwischen Angehörigen der verschiedenen Gruppen stattfinden,
- sich ein "Wir-Gefühl“ ausschließlich im Sinne des Aufnahmelandes einstellt
- keine Vorurteile feststellbar sind und Diskriminierungen fehlen, sowie
- Wert- und Machtkonflikte zwischen den beiden Kulturen nicht mehr vorliegen.
 
Im gesellschaftlichen Diskurs wurde die kulturelle Assimilation in jüngster Vergangenheit jeweils nach Reden des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in den Jahren 2008 (in Köln) und 2011 (in Düsseldorf) fokussiert. In diesen Reden appellierte der türkische Ministerpräsident an seine in Deutschland lebenden Landsleute u.a., nicht in die deutsche Gesellschaft zu assimilieren.
 
2. Schlüsselbegriffe Akkulturation, Gastarbeiter , Gesellschaft, Integration, Kultur, Verschmelzung
 
3. Literatur
- Greve, W.: Psychologie des Selbst. 2000
- Han, P.: Soziologie der Migration. 2005
- Treibel, A.: Migration in modernen Gesellschaften. 2008
 

Markus Pfau
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