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ADHS
 
Bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) handelt es sich um eine psychische Beeinträchtigung, die im Kindesalter beginnt und bis ins Erwachsenenalter fortbestehen kann. Primär zeichnet sich ADHS durch eine verminderte Aufmerksamkeit, motorische Überaktivität, ein geringes Durchhaltevermögen und mangelnde Impulskontrolle aus. Bei ADS fehlt die Überaktivität.
Der Begriff ADD (Attention Deficit Disorder = Aufmerksamkeitsdefizitstörung) tauchte erstmals 1980 in den USA auf. Schwerpunkt wurde hier auf die auffallende Unaufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen gelegt. Auch der Begriff "Hyperkinetisches Syndrom" versucht das Phänomen ADHS zu beschreiben, betont aber vielmehr die ausgeprägte Ruhelosigkeit und das Zappeln. In Deutschland hat sich die sinngemäße Übersetzung "ADS mit und ohne Hyperaktivität" durchgesetzt.

Aufgrund der unterschiedlichen Diagnosekriterien der ICD-10 und der DSM-IV (internationale Klassifikationssysteme für Krankheiten) unterscheiden sich die Angaben zur Epidemiologie zum Teil erheblich. Folglich sind nur Schätzungen zu aktuellen Prävalenzraten möglich. Sie liegen nach derzeitigen Schätzungen bei ca. 5% bei Kindern und Jugendlichen und sind regional sehr unterschiedlich (z.B. höher in den USA). Die Raten liegen bei Jungen viermal höher als bei Mädchen. Werden die Kriterien nach der DSM-IV zur Diagnose herangezogen, so fällt die Diagnose ADHS häufiger als nach ICD-10, da im DSM-IV in 3 Untertypen (vorwiegend unaufmerksamer Typ, vorwiegend hyperaktiv - impulsiver Typ und kombinierter Typ) unterteilt wird. In der ICD-10 kennt man lediglich die einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung.

Die Aufmerksamkeitsstörung ist das zentralste und zuverlässigste Hauptsymptom. ADHS betroffene Kinder haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit dauerhaft bei einer Sache zu behalten, d.h. andere bzw. störende Reize dabei auszublenden. Sie weisen folglich eine kurze Aufmerksamkeitsspanne mit vermehrter Ablenkbarkeit auf. Die betroffenen Kinder können oftmals dem Gesagten nicht folgen und zu erledigende Aufgaben trotz guten Willens nicht zielgerichtet organisieren. Zudem vergessen sie häufig Arbeitsmaterialien, sind ungeduldig und können sich nur schwer nach fremden Regeln richten.
Neben der verminderten Aufmerksamkeit leiden die Kinder unter einem Übermaß an zielloser motorischer Unruhe (Hyperaktivität). Dieses Symptom ist sehr unspezifisch, fällt aber beispielsweise im Kindergarten oder in der Schule als erstes auf, da es als störend empfunden wird. Betroffene Kinder haben einen starken Drang zur Bewegung, zappeln, wippen mit ihrem Stuhl oder springen während des Unterrichts auf. Sie wirken dabei schlecht gesteuert und ungebremst - sowohl im grob- als auch im feinmotorischen Bereich. Mit zunehmendem Alter nimmt die Problematik der Hyperaktivität ab, allerdings sind auch bei Erwachsenen noch eine innere Unruhe und Anspannung zu beobachten. Die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADS) gibt es auch ohne diese hyperaktive Auffälligkeit. Hier verhalten sich die Kinder eher still, verträumt, verlegen und sind leicht verletzlich.
Die mangelnde Impulskontrolle zeichnet sich vor allem durch eine fehlende Reflexion über das eigene Verhalten und die Konsequenzen dessen aus. Das Kind denkt kaum darüber nach, was es tut bzw. was zu tun ist und folgt vielmehr dem augenblicklichen Impuls ohne nachzudenken, ob die Handlung jetzt situationsadäquat ist oder nicht. Betroffene Kinder stören somit soziale Abläufe, mischen sich in Gespräche ein, reden oft dazwischen und schreien Antworten heraus ohne davor zu überlegen.
Die vielfältigen Erscheinungsformen machen es schwierig, ADHS eindeutig zu definieren und zu diagnostizieren. Von besonderer Bedeutung bei der Diagnose des ADHS sind die begleitenden (komorbiden) Störungen, die ebenfalls erkannt und behandelt werden müssen. Häufige Komorbiditäten sind beschrieben für Störungen des Sozialverhaltens, emotionale Störungen, depressive Störungen, Angststörungen und Lernschwierigkeiten. Diese Begleiterkrankungen sind ferner kriminologisch bedeutsam. So führen die erheblichen Verhaltensstörungen auch zu zahlreichen Schulabbrüchen. ADHS-Betroffene stehen tendenziell häufiger vor Gericht und werden häufiger straffällig, zudem ist eine erhöhte Rate von Alkohol und Drogenmissbrauch festzustellen.

Die Ätiologie des ADHS ist noch nicht eindeutig geklärt. Fest steht, dass die Ursachen selten monokausal sind, sondern sich gegenseitig bedingen und sich somit in ihrer Problematik noch verstärken. Bei diesem multifaktoriellen Entstehungsbild spielen sowohl genetische Faktoren, biochemische, neurophysiologische als auch neuropsychologische Faktoren eine Rolle. Liegt eine genetische Beteiligung für eine ADHS-Symptomatik vor (diese wird zwischen 70-95% angenommen), so erhöht sich die Vulnerabilität des Betroffenen und macht ihn anfälliger für strukturelle und funktionelle Veränderungen auf den genannten Ebenen. Neben den medizinischen Faktoren prägen psychosoziale Einflüsse die Krankheit und modulieren den Verlauf. Die Grundsymptomatik wird durch zusätzliche Faktoren wie erzieherische Inkonsequenz, Reizüberflutung, unregelmäßiger Tagesablauf und mangelnder Familienbindung noch verstärkt.

Hinsichtlich der Diagnose von ADHS ist es erforderlich, wissenschaftlich und klinisch fundierte Untersuchungsmethoden anzuwenden. Eine umfassende Diagnose sollte das Vorliegen und die Ausprägung einer möglichen ADHS-Symptomatik mittels der Kriterienüberprüfung der internationalen Klassifikationssysteme (ICD-10 oder DSM-IV) ergründen. An das diagnostische Verfahren schließen sich weitere Ansatzpunkte für die Behandlungsplanung an. Zudem müssen mögliche Differentialdiagnosen und Komorbiditäten berücksichtigt werden. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt es hierzu unterschiedliche Bausteine der Diagnostik.
Im Kindes- und Jugendalter werden das Umfeld des Kindes (durch Befragungen von Eltern, Erzieher, Lehrer) und die Lebenswelt des Kindes selbst exploriert. Beide Explorationen sind nach den deutschen Leitlinien zur Diagnoseerstellung verbindlich. Hinzu kommt noch eine verbindliche Verlaufskontrolle (regelmäßige Überprüfung der Leitsymptome, Berücksichtigung der veränderten Lebensbedingungen und bei medikamentöser Therapie eine entsprechende medizinische Verlaufsuntersuchung). Bei Bedarf können ergänzend standardisierte Fragebögen, testpsychologische und körperliche Untersuchungen durchgeführt werden.

Die Bausteine der Diagnostik im Erwachsenenalter weichen nicht allzu sehr von denen im Kindes- und Jugendalter ab, allerdings liegt der Schwerpunkt im Diagnoseverfahren bei der Erfassung von komorbiden Störungen und differentialdiagnostischen Abgrenzungen von ADHS-Symptomen. Die genannten Klassifikationssysteme sind auch bei Erwachsenen im Einsatz, werden aber durch die erwachsenenspezifischen Wender-Utha-Kriterien (Symptomcheckliste) ergänzt. Neben diesen standardisierten Untersuchungsinstrumenten werden ferner sowohl der Patient als auch wichtige Vertrauenspersonen interviewt. Eine genaue Erhebung der Krankheitsgeschichte ist erforderlich, um organische Störungen auszuschließen.

ADHS sollte multimodal therapiert werden und die Individualität des Betroffenen sowie das Umfeld berücksichtigen. Eine medikamentöse Behandlung durch Psycho-Stimulantien aus der Gruppe der Amphetamine (z.B. Ritalin, Captagon, Medikinet etc.) ist dann erforderlich, wenn ein Dopaminmangel als Auslöser für die ADHS-Problematik festzustellen ist. Ziel sollte sein, den Leidensdruck zu mindern und die Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungsfähigkeit des Betroffenen zu verbessern. Des Weiteren können auch Antidepressiva zur Behandlung eingesetzt werden. Die medikamentöse Therapie sollte mit weiteren Behandlungsmaßnahmen wie einer Verhaltens- oder kognitiven Therapie des Patienten gekoppelt werden. Eine ganzheitliche Therapie setzt zudem die Arbeit mit den Eltern z.B. durch eine Familientherapie, Elterntraining oder anderen Beratungsangeboten voraus. Zudem lassen sich positive Effekte durch Interventionen im Kindergarten und in der Schule erzielen (z.B. durch ein Kompetenztraining). Bei der Behandlung von betroffenen Erwachsenen nimmt vor allem die Psychotherapie einen hohen Stellenwert ein.

Das Krankheitsbild ADHS wird immer wieder kontrovers diskutiert. Nicht selten kommt die Frage auf, ob die enorme Zunahme der Diagnose ADHS ein Indikator für veränderte Kindheiten, eine Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen und/oder eine Medikalisierung sozialer Probleme darstellt. Auch die neurologische Erklärung für die Wirkung von Ritalin wird kritisiert. Ebenso bedeutsam ist die hohe gesellschaftliche Toleranz gegenüber der Behandlung der betroffenen Kinder. Da viele Ursachen noch ungeklärt und noch einige Antworten offen sind, wird die Thematik weiterhin in der Öffentlichkeit umstritten und in medizinischen Forschungen präsent bleiben.
Erwachsenen mit ADHS fehlt es oft an Ausdauer, was häufig Problemen am Arbeitsplatz verursacht. Manche erwachsene AHHSler beschäftigen sich (zu) lange mit Nebensächlichkeiten. Vergesslichkeit und Unzuverlässigkeit verstärken die Neigung zur mangelnden Selbstorganisation. Niedrige Stresstoleranz kann dann ggf. in Verbindung mit Mobbing (s. dort) zu Problemen führen. Allerdings kann sich ADHS vor allem für Erwachsene auch positiv auswirken, da diese Menschen einen besonderen Durchsetzungswillen haben, mit Misserfolgen umzugehen gelernt und daher die Bereitschaft haben, immer wieder aufzustehen. Auch werden manchmal erst im Erwachsenenalter bestimmte Fähigkeiten sichtbar wie besonderes Engagement für eine Sache, intuitives Gespür und Sensibilität für Menschen, aber auch für modische Strömungen und gesellschaftliche Entwicklungen. Wenn die berufliche Tätigkeit Freude macht so ist der erwachsene ADHSler hoch motiviert, ehrgeizig und zeigt grenzenlosen Einsatz und Hilfsbereitschaft. Menschen mit ADHS sind besonders häufig zu finden in sozialen Berufen, im Journalismus oder auch in Berufen wie Polizei und Feuerwehr, wo besondere Anforderungen gestellt werden oder Risiken eingegangen werden müssen. Auch als Selbstständig kommen ADHSler aufgrund ihres besonderen Engagements und der hier dann möglichen Selbstbestimmung gut zurecht.

Verwendete Literatur:

Drüe, G. 2007: ADHS kontrovers. Betroffene Familien im Blickfeld von Fachwelt und Öffentlichkeit. Stuttgart
Feltes, T., M. Lang 2005: Forensische Aspekte von ADHS im Jugendstrafverfahren. In: Thilo Fitzner/ Werner Stark (Hrsg.), Doch unzerstörbar ist mein Wesen ... Diagnose AD(H)S - Schicksal oder Chance? S. 365-381
Kahl, K., Puls, J.H. & Schmid, G. 2007: Praxishandbuch ADHS. Diagnostik und Therapie für alle Altersstufen. Stuttgart/New York
Leuzinger-Bohleber, M. 2006: Einführung. In: Leuzinger-Bohleber, M., Bradl Y. & Hüther, G. (Hrsg.): ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung. Göttingen. S. 9-49

Im Internet:

http://www.adhs.de/
http://www.ag-adhs.de/
http://www.adhs-erwachsene.net/

Schlüsselwörter:
Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörung, Verhaltensstörung, Impulsivität

Stefanie Köck
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