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Bevölkerungsentwicklung
 
1. Zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

Bevölkerung im Bestand wird in Deutschland nach dem (Haupt-)Wohnsitzprinzip erfasst. Sie umfasst gemeldete Deutsche, gemeldete Ausländer und Staatenlose. Der Bevölkerungsbestand in Deutschland liegt bei geschätzt 80,5-81 Mio. (Die bisher angenommenen 82,3 Mio. sind aufgrund meldeamtlicher Fehler um etwa 1,3 Mio. Personen zu hoch). Relevante Differenzierungskriterien für die Bevölkerung sind einmal der Altersaufbau und zum anderen die zahlenmäßige Geschlechterrelation. Bevölkerung als Prozess umfasst die natürliche (Geburten- und Sterbeverhältnisse) sowie die geographische Bevölkerungsbewegung (Binnen- und Außenwanderungen). Bevölkerung ist dynamisch, wobei von einer biosozialen Bevölkerungsentwicklung (Mackenroth) auszugehen ist: die biologischen Grundlagen werden soziokulturell und damit durch den sozialen Wandel bzw. die Modernisierung überformt. Das Bevölkerungsgleichgewicht entwickelte sich von einer hohen Geburten- und Sterberate in der Vormoderne hin zu einer niedrigen Geburten- und Sterberate in industrialisierten Gesellschaften. Die Industrialisierung, die damit einher gehende Veränderung der Arbeitswelt, auch durch das Aufkommen neuer Berufsgruppen (Angestellte), die Technisierung und Verwissenschaftlichung, die ersten Maßnahmen des Kinder- und Jugendschutzes, aber auch die Verstädterung wirkten hier ein. Technisierung und Verwissenschaftlichung bewirkten mehr medizinische Erkenntnisse, eine bessere medizinischen Versorgung und bessere hygienische Bedingungen trugen zur Reduzierung der Säuglings- und Kindersterblichkeit und im weiteren auch zur Steigerung der Überlebenswahrscheinlichkeit im Alter bei. Die langsame Entfaltung des Sozialstaats senkte den ökonomischen Nutzen von Kindern. Das Zurückdrängen und schließlich das Verbot von Kinderarbeit bewirkte auch, das Kinder gerade in den oft armen Arbeiterhaushalten keinen Beitrag mehr zum Haushaltseinkommen leisteten, sondern zum Kostenfaktor wurden. Die sukzessive Einführung der staatlichen Alterssicherung für immer weitere Bevölkerungskreise ließ Kinder im 20. Jahrhundert immer weniger notwendig für die Alterssicherung werden. Die Bedingungen der Verstädterung - kleine Wohnungen und schlechte Wohnbedingungen - führten unter Arbeitern mit dem auslaufenden 19. Jahrhundert zu einer langsamen Reduzierung der (immer noch hohen) Kinderzahl. Bereits mit dem auslaufenden 19. Jahrhundert war für statushöhere Familien der Statuserhalt in der nächsten Generation mit mehr Investitionen in den Bildungserfolg des Nachwuchses verbunden. Der vermehrte Aufwand an Zeit und Geld trug ebenfalls zur Reduzierung der Kinderzahlen bei. Auf der normativen Ebene erfolgte eine sukzessive Durchsetzung des Leitbildes der bürgerlichen Kleinfamilie.

1.1 Die Veränderung der Geburten- und Sterbeverhältnisse
Der langfristige Rückgang der Geburten ist damit ein Phänomen, das die Modernisierung begleitet. In Deutschland ging die Geburtenrate ab 1875 zurück, 1905 (beim sog. ersten demographischen Übergang) sank sie dann erstmals stärker als die Sterberate. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg gingen die Geburten bis 1925 deutlicher zurück. Im Gebiet von Deutschland reduzierte sich die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau seit den Geburtsjahrgängen ab 1940 weiter. Mit den Geburtsjahrgängen ab 1960 nahm zusätzlich der Anteil kinderloser Frauen deutlich zu, stärker als in andern westlichen Ländern. Gegenwärtig wird geschätzt, dass knapp drei Zehntel der Frauen kinderlos bleiben wird, wobei der Anteil unter höher qualifizierten Frauen größer ist. Im Ergebnis wird die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland einmal durch eine über die Zeit stark gesunkene Geburtenrate und jährliche Geburtenzahl (2007 etwa 0,68 Mio.) bestimmt, welche den Bevölkerungserhalt nicht mehr sichern. Von den Höchstständen zu Beginn der 1960er-Jahre („Babyboomer“) mit jährlich 1-1,2 Mio. Geburten sank die deutschlandweite Zahl bis 2007 auf gut 0,68 Mio. Die zusammengefasste durchschnittliche Geburtenziffer für Frauen im gebärfähigen Alter (15-45 Jahre) liegt seit etwa zwei Jahrzehnten zwischen 1,2-1,4 Geburten pro Frau, nötig für die Reproduktion wären etwa 2,1. Um die Reproduktion der Bevölkerung zu sichern, müssten also pro Jahr etwa 50% mehr Kinder geboren werden.
Mit dem massiven Geburtenrückgang besonders auch in Deutschland entsteht daher ein Ungleichgewicht zwischen Geborenen und Gestorbenen, das zum langfristigen Bevölkerungsrückgang führt. Seit dem zweiten demographischen Übergang von 1973 liegt die Geburtenrate dauerhaft unter die Sterberate mit der Folge, dass die Gestorbenen zahlenmäßig nicht mehr ersetzt werden können. Diese Geburtenlücke wird weiter steigen, von 0,14 Mio. (2007) auf geschätzt ca. 0,6 Mio. in 2050. Je nach Modellannahme werden für den Bevölkerungsbestand um 2050 realistischerweise zwischen 65 und 75 Mio. Personen („mittlere Bevölkerung“) vorhergesagt.
Die Bevölkerung schrumpft damit zum einen deutlich und sie altert zum anderen erheblich. Es ist ein „dreifaches Altern der Bevölkerung“ (Tews): immer mehr Menschen werden immer älter, Zahl und Anteil der Alten nehmen zu und Zahl und Anteil der Jungen gehen zurück. Das zeigt sich am Jugend- und am Altenquotienten: Der Jugendquotient (Zahl der unter 20-Jährigen auf 100 Personen zwischen 20 und unter 65 Jahren) ging von 53 (in 1970) auf derzeit 32 zurück und wird bis 2050 auf 29 sinken. Der Altenquotient 65 (Zahl der 65-Jährigen und älteren auf 100 Personen zwischen 20 und unter 65 Jahren) stieg dagegen von 25 (1970) auf derzeit 32; im Jahr 2050 wird er laut Modellannahme bei 60 liegen. Dem entsprechend wird der Anteil unter 20-Jähriger nach den Vorausberechnungen von aktuell etwa einem Fünftel auf knapp ein Sechstel zurückgehen, der Anteil 65-Jähriger und Älterer dagegen von etwa einem Sechstel auf deutlich über ein Viertel steigen. Der Anteil Hochbetagter (mindestens 80-jährige) wird dabei ebenfalls sehr deutlich zunehmen von aktuell ca. 4% auf etwa ein Achtel der Bevölkerung in 2050. Der Wandel der Bevölkerung variiert nach den Regionen: die Alterung wird in den neuen Ländern (bis 2030) durchgängig am stärksten ausgeprägt sein und in den Stadtstaaten Bremen und Hamburg am geringsten ausfallen. Auch der Bevölkerungsrückgang fällt in den neuen Ländern am deutlichsten aus, wogegen Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg nach den bisherigen Schätzungen sogar minimale Gewinne haben werden. Der sukzessive Rückgang der jüngeren Bevölkerungsteile wirkt jedoch wieder zurück auch auf die Geburten, denn dadurch geht die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter von derzeit ca. 20 Mio. bis 2050 auf geschätzt 14 Mio. zurück. Würde die aktuelle zusammengefasste Geburtenziffer und die Rate der Kinderlosen weiter bestehen bleiben, fielen alleine dadurch vom jetzigen Stand aus gesehen bis 2050 ca. 6-7 Mio. Geburten aus.
Auch die steigende Lebenserwartung fördert das Altern der Bevölkerung. Die durchschnittliche Lebenserwartung ab Geburt nahm von 40 Jahre für Männer bzw. 44 Jahre für Frauen im Jahr 1900 bis auf 76 bzw. 82 Jahren für die Periode 2002/04 zu. Diese Schätzungen erfolgen auf Basis von Periodensterbetafeln; d. h., das Durchschnittsalter der in einer bestimmte Periode Gestorbenen gilt als Schätzer für die durchschnittliche Lebenserwartung derjenigen, die in dieser Periode geboren werden. Dieses Verfahren bildet allerdings nur die Sterbeverhältnisse der Vergangenheit ab. Werden nun statt dessen Schätzungen auf Basis von Generationensterbetafeln vorgenommen - ausgehend von der Frage, welches Durchschnittalter die Personen eines bestimmten Jahrganges erreicht haben? -, so zeigt sich, dass die reale Lebenserwartung vermutlich noch größer sein dürfte, nämlich bei 82-85 Jahren für Männer und 88-90 Jahren für Frauen.

1.2 Die Wanderungsbewegungen
Der zweite große Faktor, der auf die Bevölkerung einwirkt, sind die Wanderungen. Das Gebiet von Deutschland erlebte alleine seit dem 2. Weltkrieg mehrere große Personenströme: Nach dem 2. Weltkrieg kamen insgesamt 12 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene; im Gebiet der alten Bundesrepublik stellten sie mit 8 Mio. Personen ca. ein Sechstel der Bevölkerung. Übersiedler aus der DDR in die alte Bundesrepublik (netto ca. 2-2,5 Mio. bis 1961), meist Jüngere und gut Qualifizierte, bildeten die zweite Wanderungswelle, die dann durch den Mauerbau gestoppt werden sollte. Der hohe Bedarf an ungelernten Arbeitskräften führte ab Ende der 1950er-Jahre zur Zuwanderung von Arbeitsmigranten in die alte Bundesrepublik. Im Saldo waren es ca. 3 Mio. Menschen bis 1973, wobei zwischen 1959 und 1973 insgesamt 14 Mio. zu- und 11 Mio. abwanderten. Nach dem Anwerbestopp von 1973 kam es zu Familiennachzügen. Mit den 1980er-Jahren setzte, politisch gewollt, die Zuwanderung von (Spät-)Aussiedlern ein, insgesamt ca. 4,7 Mio. Personen seit 1980. Asylbewerber traten ebenfalls ab den 1980er-Jahren als zahlenmäßig bedeutsame Kategorie auf. Das Maximum wurde 1992 mit ca. 0,44 Mio. Anträgen erreicht. Nach der Änderung von Art. 16a GG in 1993 (Drittstaatenregelung) ging die Zahl auf 0,13 Mio (1994) zurück und sank seitdem kontinuierlich bis auf 21.000 Anträge in 2006. Deutschland ist also seit langem schon Einwanderungsland, auch wenn dies von politischer Seite erst 1998 festgehalten wurde. Die Bevölkerung mit ausländischem Pass beträgt 2006 ca. 7,3 Mio. Personen und macht knapp 9% der Bevölkerung aus. Wird allerdings der Status als Zuwanderer/Migrant – selber oder die Eltern(teile) – einbezogen, sind Anzahl und Anteil an der Bevölkerung doppelt so hoch (ca. 14,8 Mio. Personen); bei unter 5-Jährigen macht der Migrantenanteil sogar ein Drittel aus.
Nach der Vereinigung kam es zur Binnenmigration, wobei netto ca. 1. Mio. Personen von Ost nach West zogen seit 1989. Die Binnenwanderung im vereinigten Deutschland führte, über die Jahre stark schwankend, zu einem negativen Wanderungssaldo für Ostdeutschland, wobei gerade die jüngeren und gut Qualifizierten (vor allem Frauen) nach Westen zogen und sowohl auf dem Arbeits- wie auch auf dem Heiratsmarkt und damit für die regionale Reproduktion fehlen. Dieser Negativsaldo (ca. 50.000 Personen in 2005) wird bis 2020 auf geschätzt etwa 8.000 zurückgehen, weil es immer weniger wanderungswillige Junge geben wird. (Das bedeutet auch, das Bayern, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Hamburg künftig weniger Binnenwanderer im erwerbsfähigen Alter erhalten werden).
Erst seit kurzem wird eine weitere Kategorie von Wanderern beachtet, nämlich auswandernde Deutsche. Seit 2005 wurde hier der Wanderungssaldo negativ, d. h., es zogen mehr Deutsche fort ins Ausland als zurückkehrten; 2007 wanderten gut 150.000 Deutsche aus, wogegen nur gut 100.000 aus dem Ausland wieder einwanderten. Bei Fortdauer des Trends kann sich dies auch negativ auf dem Arbeitsmarkt auswirken, denn die Auswanderer sind höher qualifiziert als der (deutsche) Bevölkerungsdurchschnitt.
Nachdem Deutschland von der deutschen Politik erst seit 1998 als Zuwanderungsland gesehen wird, erfolgte die bisherige Außenwanderung weitgehend ungelenkt. Ein Problem an der bisherigen Außenzuwanderung ist, dass die Zuwanderer insgesamt betrachtet ein niedrigeres sozialkstrukturelles Niveau aufweisen als die deutsche Bevölkerung, wobei hier allerdings nach den Herkunftsländern differenziert werden muss. Vor allem ist das vorhandene Bildungsniveau gerade der Personen mit ausländischem Pass insgesamt gesehen nicht ausreichend, um für die zu erwartenden Veränderungen des Arbeitsmarktes gerüstet zu sein.

2. Einige Hintergrundfaktoren für die aktuelle Geburtenentwicklung

2.1. Die Geburtenentwicklung als Modernisierungsfolge
Die Modernisierungswelle ab Ende der 1960er-Jahre führte zur sozialen bzw. gesellschaftlichen Modernisierung. Die Individualisierung brachte die Möglichkeit der Herauslösung bzw. Freisetzung aus tradierten lokalen und sozialen Bindungen und damit Freiräume für Biographieentwürfe auch jenseits „normalbiographischer“ Vorstellungen (Schule, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Eheschließung, Kinder). Dies drückt sich auch darin aus, dass neben die konventionellen „Pflicht- und Akzeptanzwerte“ immer dominierender die „Selbstentfaltungs- und Selbstverwirklichungswerte“ (Klages) traten.
Die Pluralisierung führte zur Zunahme legitimer Verhaltensoptionen und war von einem Wertewandel bzw. einer Wertepluralisierung begleitet. Dies betraf einmal die Lebensführung: nichteheliche Lebensgemeinschaft, Alleinleben oder Partnerlosigkeit wurden zu legitimen Optionen. (Für die Generation der Babyboomer konnte festgestellt werden, dass bei ihnen im Vergleich mit früheren Geburtskohorten zur Mitte des vierten Lebensjahrzehnts das bislang partnerlose Leben die häufigste Lebensform bildete, vor allem bei Männern. Mit Blick auf die Reproduktion wird zu fragen sein, ob dies weiter einen stabilen Trend bildet). Beim Reproduktionshandeln wurden weniger Kinder bzw. dann auch die zu legitimen Alternativen. Ebenfalls eine legitime Option wurde die Auflösung einer Ehe als Mittel einer Konfliktlösung im Privatbereich. Den formalrechtlichen Ausdruck fand dies in der Umstellung des Scheidungsrechts 1978 vom Schuld- auf das Zerrüttungsprinzip. Die sukzessive Erosion der Ehe (Nave-Herz) zeigt sich in einer steigenden Scheidungsrate (aktuell werden gut zwei Fünftel aller neu geschlossenen Ehen wieder getrennt) bzw. steigenden Scheidungszahlen (aktuell gut 0,2 Mio pro Jahr) , einer sinkenden Ehedauer bis zur Scheidung sowie einer sinkenden Wiederverheiratungs- wie inzwischen auch Heiratstendenz insgesamt (die Zahl der Eheschließungen nahm von ca. 0,6 Mio. im Jahr 1970 auf derzeit knapp 0,4 Mio. jährlich ab). Bei etwa der Hälfte aller Scheidungen sind Familien betroffen. Durch diese Entwicklungen wurde letztlich auch die Einelternfamilie legitim; aktuell gibt es ca. 2,6 Mio. Einelternfamilien, 90% davon mit Müttern. Sie machen insgesamt gut ein Fünftel aller Familienhaushalte aus. Scheidungen oder Trennungen reduzieren aber prinzipiell (oft schon aus ökonomischen Gründen) die Wahrscheinlichkeit von (weiteren) Kindern. Scheidungen bedeuten damit nicht selten einen Geburtenausfall bzw. nicht mehr realisierte Geburten.
Zum Bereich des technologisch bedingten Wandels gehört seit den 1960er-Jahren die umfassender gewordene Empfängnisverhütung, besonders durch die Pille. Sie besonders ermöglichte relativ weitgehend eine Entkoppelung von Sexualität und Reproduktion. Ihr Bedeutung für die Reproduktion drückt sich symbolisch am als „Pillenknick“ bezeichneten deutlichen Geburtenrückgang gegen Ende der 1960er-Jahre aus. Sie konnte allerdings ihre Wirkungskraft erst unter den parallelen Bedingungen der sozialen Modernisierung entfalten.
Die ab 1964 erfolgte Bildungsexpansion bewirkte eine allgemeine Höherbildung der Bevölkerung, die einmal durch technische und organisatorische Weiterentwicklungen in der Arbeitswelt nötig geworden war. Zum anderen erhöhten sich die Einstiegsvoraussetzungen in Berufe aber auch durch die zunehmende Zahl an Anbietern mittlerer und hoher Bildungsqualifikationen. Dadurch stiegen die Bildungsanforderungen an die nachwachsenden Generationen. Höhere materielle, symbolische und zeitliche Bildungsaufwendungen für den Nachwuchs bedeuten, dass Familien ihre knappen Ressourcen zweckrational planen und einsetzen müssen, um für den Nachwuchs den Statuserhalt zu sichern oder den sozialen Aufstieg zu unterstützen. Auch dies fördert eine Begrenzung der Kinderzahl. Der deutliche Ausbau des Sozialstaats, in dieser Form ein Modernisierungsprodukt der auslaufenden 1960er- und der 1970er-Jahre, wirkte sich ebenfalls negativ auf die Reproduktion aus. Die letzte ökonomische Notwendigkeit einer Alterssicherung durch die eigenen Kinder bzw. deren Unterstützung entfiel damit (vorerst).
Nicht nur die Emanzipation der Frauen, sondern auch die Verunsicherung der Männer führte zu ausfallenden Geburten: Teile der nachwachsenden Männergenerationen fühlen sich von der neuen Weiblichkeit und den neuen Anforderungen überfordert und reagieren mit Unsicherheit, Rückzug und (Zeugungs-)Verweigerung. Das weibliche Geschlechtsrollenbild wandelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zumindest teilweise relativ deutlich bzw. pluralisierte sich: neben die immer noch bestehenden tradierten Vorstellungen traten immer einflussreicher neue Konzepte von Weiblichkeit. Nur bedingt verändert hat sich dagegen die Vorstellung vom Mannsein, wobei als grundlegendes Problem festzustellen ist, dass (nicht nur) diese Gesellschaft über kein eindeutiges, konkretes Bild von Mann und Männlichkeit verfügt.
Ebenfalls zu erwähnen ist die ab 1975 bestehende Massenarbeitslosigkeit als Hintergrundfaktor. Geburtenausfälle entstehen aufgrund der mit der eigenen und der allgemeinen Arbeitslosigkeit verbundener Zukunfts- und privater Planungsunsicherheit. Der massive Geburtenausfälle in den neuen Bundesländern nach 1990 – ein Rückgang der Zahlen um die Hälfte - ist ebenfalls mit massiven Verunsicherungen über die Zukunft zu erklären. Der in seinem Konsequenzen für den Einzelnen nicht abschätzbare politische, ökonomische und soziale Systemumbruch bewirkte eine deutliche Zurückhaltung bei den Geburten, die einsetzende massive Massenarbeitslosigkeit noch verstärkt wurde.

2.2 Geburtenentwicklung: Ergebnis „struktureller Rücksichtslosigkeit“ (Kaufmann)
Den aktuellen Bevölkerungsprozess auf die Modernisierung zurückzuführen, ist auf der einen Seite zutreffend, auf der anderen Seite jedoch zu allgemein und unzureichend. Es trifft zu, dass die Modernisierung Entwicklungen in Gang setzte, die einen Rückgang der Kinderzahl pro Frau und Familie bzw. zu weniger Geburten insgesamt nach sich zogen. In allen sog. fortgeschritten modernen Gesellschaften wirken aber die Prozesse der Ökonomisierung, Technisierung, Tertiärisierung, (Höher-)Qualifizierung; ebenfalls erfolgt in ihnen eine Emanzipation der Frauen durch Bildungsprozesse und die Integration in die Erwerbsarbeit; auch sind üblicherweise überall technische und chemische Verhütungsmethoden vorhanden, die eine Trennung von Sexualität und Reproduktion bzw. eine selbst bestimmte Reproduktion ermöglichen. Dennoch variieren die zusammengefassten Geburtenziffern deutlich, wie die USA (2,0) oder Frankreich (1,8) auf der einen, Deutschland (1,3) oder Italien (1,2) auf der andern Seite belegen. Das bedeutet, die (National-)Gesellschaften und (National-)Staaten reagieren, was den Bevölkerungsprozess angeht, in unterschiedlicher und auch typischer Weise auf die veränderten Herausforderungen (wobei auch die Intensität der Herausforderungen variiert). Das betrifft sowohl die Gesellschaftsmitglieder als auch die Politik. Da die Reproduktion ebenfalls (soziales) Handeln ist, muss nach den sozialen, politischen, ökonomischen und technischen Rahmenbedingungen gefragt werden, die bei den Gesellschaftsmitglieder in Reaktion auf die Verhältnisse eine Motivation für mehr bzw. für weniger Kinder bewirken. Nicht zuletzt bestehen jedoch auch unterschiedliche, (sozial-)politisch bedingte Haltungen gegenüber dem Bevölkerungsprozess, die sich in typischen sozial- und familienpolitischen Strategien niederschlagen. Auch sie bilden eine der relevanten Rahmenbedingungen für das reproduktionsbezogene Handeln der Gesellschaftsmitglieder. Dazu gehört auch die typische Ausgestaltung des Sozialstaats. In Deutschland, das im Esping-Anderson-Schema dem konservativen Typus zugerechnet wird, ist er umfassend, paternalistisch und vom Konzept her bezogen auf die (Vollzeit-)Erwerbsarbeit eines (männlichen) Familienernährers.
Arbeitswelt, Sozialstaat und Politik ließen unter dem Einfluss normativer Leitbilder (die „Normalfamilie“, die „Normalbiographie“) eine allgemeine „strukturelle Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft“ gegenüber Familien (Kaufmann) entstehen. Die Vereinbarkeit zwischen Familie, Erwerbsarbeit und Bildungssystem bzw. institutionellem Betreuungssystem herzustellen, wurde zur Angelegenheit der Familien gemacht. Der Mangel an institutionellen Betreuung von kleinen Kindern und das in Europa in dieser Form fast einzigartige Konzept einer Halbtagsschule (die nicht einmal eine volle Halbtagsschule ist), lassen die (heute auch ökonomisch in zunehmendem Maße notwendige) Erwerbstätigkeit von Müttern zu einer schwer organisierbaren Angelegenheit werden, sofern keine Unterstützung durch Verwandtschaftsnetzwerke besteht. Gerade für höher und hoch qualifizierte erwerbstätige Frauen bedeuten Kinder häufig einen „Karriereknick“, wenn sie aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten, tradierter partnerschaftlicher Rollenmuster oder freiwillig eine „Kinderpause“ einlegen, nach dem Wiedereintritt aber nur begrenzt in die alte Laufbahn einsteigen (können).
Nachdem der Anteil höher und hoch qualifizierter Frauen inzwischen dem der Männer entspricht (im wesentlichen bis zur Ebene des Universitätsabschlusses), nimmt auch der Anteil derer zu, die ihre Kompetenzen einsetzen wollen. Die (Frauen-)Generation der ab 1960 Geborenen erfuhr als erste die Ambivalenzen des Modernisierungs- und Individualisierungsprozesses: Den gestiegenen Bildungschancen junger Frauen standen nur begrenzt adäquate Realisierungsmöglichkeiten in der Erwerbsarbeit gegenüber, vor allem, für Mütter. Die für Frauen immer noch unzureichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf ließ und lässt das (unbestimmte) Hinauszögern des Kinderwunsches oder den gänzlichen Verzicht auf Kinder unter diesen Gegebenheiten zu einer rationalen Verhaltensalternative werden. Auch dadurch fallen aber wieder Geburten aus. Dies kann verstärkend den Charakter einer sich selbst bestätigenden Prophezeiung annehmen, wenn die Vorstellung von der Unvereinbarkeit zum festen Einstellungsbestandteil in der (jungen) Bevölkerung wurde (Kaufmann).

3. Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung

Auswirkungen hat die schrumpfende und alternde Bevölkerung auf alle Bereiche der Gesellschaft. Für exemplarisch ausgewählte Bereiche und Themen zeigen sich folgende (antizipierte) Entwicklungen:

Soziale Sicherung
Massive Auswirkungen hat der demographische Wandel auf das System der sozialen Sicherung bzw. auf den Wohlfahrts- und Sozialstaat allgemein, dessen bisherige Möglichkeiten zur Integration immer weiterer Bevölkerungskreise eingeschränkt werden (Kaufmann). Das Umlageverfahren zur Alterssicherung, bei dem die aktuell (berufs-)aktive Generation für die jeweils aktuelle Rentnergeneration aufkommt, ist aufgrund des hohen und weiter steigenden Altenquotienten und des rückläufigen Jugendquotienten nicht mehr finanzierbar. Änderungen der Alterssicherung beziehen sich auf eine ökonomische, eine sozialrechtliche und eine moralische Dimension (Schulz-Nieswandt): die ökonomisch Dimension umfasst z. B. ein höheres Renteneintrittalter (bzw. eine verlängerte Lebensarbeitszeit) sowie die (bereits erfolgte) Umstellung auf eine verstärkt private Finanzierung der Alterssicherung („Riester-Rente“), die sozialrechtliche Dimension richtet sich auf die Relation zwischen den Lebensaltern und bezieht auch eine „aufgabenorientierte Mitverantwortlichkeit” der Rentner ein, die moralische Dimension betrifft unter Wahrung der sozialen Gerechtigkeit die Sicherung der nicht mehr Erwerbstätigen bzw. eines „guten Alterns“. Die Erhöhung des Renteneintrittsalters soll ab dem Jahr 2012 schrittweise erfolgten (beginnend mit den Geburtsjahrgängen 1947) und 2029/2030 abgeschlossen sein. Das Eintrittsalter soll dann (abhängig von den Beitragsjahren) zwischen 63 und 67 Jahren (Regelaltersgrenze) liegen. Die Rentenkasse würde durch mehr Beitragszahler- und weniger Rentnerjahre entlastet. Die Regelaltersgrenze wird keinesfalls für alle Berufe gleichermaßen erreichbar sein, alleine schon aufgrund der unterschiedlichen (körperlichen) Belastungen und der dadurch variierenden Erwerbs- und Berufsfähigkeit. Außerdem müssen genügend Arbeitsplätze vorhanden sein, auf denen die ältere Arbeitnehmer weiter beschäftigt werden können.

Bildungssystem
Mit Druckfaktoren aus mehreren Richtungen wird das Bildungssystem konfrontiert werden. Die Zahl der Schüler an allgemeinbildenden Schulen wird um ein Siebentel zurückgehen bis 2020, von aktuell gut 9,3 Mio. auf gut 7,8 Mio (Datenreport 2008). Dies bleibt vermutlich nicht ohne Auswirkungen auf die Bildungsinfrastruktur, die durch Schulzusammenlegungen und/oder Schulschließungen reduziert bzw. ausgedünnt werden kann. Das wird mit von der jeweiligen regionalen Geburtenentwicklung abhängen. Dadurch können aber regionale Bildungsungleichheiten wieder zunehmen. Mehr Aufwendungen werden für die (Weiter-)Bildung Älterer bzw. ihre Humankapitalbildung notwendig werden, zum einen, weil es immer mehr Ältere geben wird, zum anderen, weil ihre Berufs- und Erwerbsfähigkeit nur durch einen Ausgleich der Ausbildungs- und Fortbildungsdefizite gesichert werden kann. Dabei wird sich auch unser Verständnis von Weiterbildung dahingehend ändern müssen, dass sie die gesamte Berufsbiographie begleitet und nicht erst kompensatorisch zu Ende des fünften oder zu Beginn des sechsten Lebensjahrzehnts erfolgt. Eine weitere Herausforderung wird darin bestehen, die künftig vermutlich steigende Zahl an Zuwanderern zu sozialisieren und zu qualifizieren und/oder die Bildungsbenachteiligung der bereits hier lebenden Zuwanderer abzubauen und ihre insgesamt gesehen zu geringe formale Bildung zu erhöhen. Allgemein besteht die Notwendigkeit, dem geringer werdenden gesellschaftlichen Ertrag der zahlenmäßig kleiner werdenden Geburtskohorten durch vermehrte Bildungs- und Qualifizierungsbestrebungen zu begegnen, um darüber ihre Effizienz und ihre Anpassungsfähigkeit an den ökonomischen und technologischen Wandel zu erhöhen. Dies setzt aber weitere Umstrukturierungen im Bildungssystem voraus, einmal dahingehend, dass die Bildungszeiten im Lebenslauf vorverlagert werden in den vorschulischen Bereich und das das Schulsystem von der Halbtagsschule in Richtung einer „echten Ganztagsschule“ entwickelt wird, die ausgeglichene Vormittags- und Nachmittagsprogramme aufweist (Rauschenbach). Die vermehrte schulische Betreuung hätte weiterhin den Vorteil, dass Kinder aus statusniedrigen und bildungsfernen Familien besser kompensatorisch betreut und gefördert werden können.

System der Erwerbsarbeit
Dem Arbeitsmarkt steht ein deutlicher Wandel bevor. Ohne erhebliche jährliche Wanderungsgewinne wird es bis 2050 zu einem deutlichen Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre) kommen; nach Vorausberechnungen des IAB wird ihre Zahl auch bei einem jährlichen positiven Saldo von 200.000 Einwanderern von 55,7 Mio. in 2002 auf geschätzte 43,4 Mio. in 2050 abnehmen. Erst bei einem jährlichen Saldo von 400.000 Personen bleibt die Zahl in etwa erhalten. Zudem altert auch die Bevölkerung im Erwerbsalter: der Anteil 50-Jähriger und älterer an den Erwerbspersonen wird (bei einem Wanderungssaldo von 200.000) von 28% (2002) auf 35% (2050) zunehmen. Außerdem steigt der Anteil derjenigen, die vom Alter her noch nicht und nicht mehr im Erwerbsalter sind, von 33% auf 39%. Mit dieser Entwicklung wird sich die seit den 1980er-Jahren ausgeweitete Tendenz zur „Entberuflichung des Alters“ (Naegele), die auch unter dem Einfluss der sich ausweitenden Massenarbeitslosigkeit entstand, bei den veränderten demographischen Rahmenbedingungen nicht mehr fortsetzen lassen. Die Erwerbsquote von 60-Jährigen und älteren ist zwar immer noch deutlich unterproportional, nahm aber bereits von gut drei Zehntel Ende der 1990er-Jahre auf inzwischen über vier Zehntel zu. Künftig werden also zunehmend mehr Ältere, dann auch mehr Frauen (Erhöhung der Frauenerwerbsquote) und (durch die Zuwanderung) mehr Migranten bzw. Ausländer unter den Erwerbstätigen sein.

Wohnungsbau
Bei einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung wird sich auch der Wohnungsbau ändern müssen. Paradoxerweise könnte die Zahl an Haushalten (aktuell 39,7 Mio.) dabei zunächst steigen, wenn die Zahl der Einpersonenhaushalte durch Trennungen bzw. Scheidungen oder aus bei einer Ausweitung von Pendlerbeziehungen bzw. -ehen zunimmt. Allgemein werden aber durch die zunehmende Zahl Älterer sowohl kleinere als auch älteren- bzw. altengerechte Wohnungen (Barrierefreiheit, gute Erreichbarkeit, vermehrt kombiniert mit Betreuungsangeboten) notwendig werden.

Weniger Bevölkerung = weniger Macht?
Die Bevölkerungsentwicklung wird sich auch machtpolitisch auswirken: mit der abnehmenden Bevölkerung wahrscheinlich verbunden sein werden auch weniger Macht und Einfluss, nicht nur auf der europäischen, sondern auf globaler Ebene. Auch wird vermutlich die Anpassungs- und Innovationsfähigkeit einer stark alternden Gesellschaft vergleichsweise geringer sein. Dies schränkt mittel- und langfristig die Konkurrenzfähigkeit gegenüber Gesellschaften mit einem „jüngeren“ Altersaufbau ein. Auch Alltag, Kultbleibt die Zahl in eitwa ur, Freizeitangebote und Konsum werden verstärkt älteren- und altenbezogen sein (müssen).

Geänderte Bewertung der Lebensalter?
Der demographische Wandel wird vermutlich auch nicht ohne Auswirkungen auf die soziale Bewertung der Lebensalter bleiben. Die bisherige Entwicklung im Okzident war von einer zunehmenden Abwertung des Alters und einer zunehmenden Aufwertung von Jugend und Jugendlichkeit geprägt (Rosenmayr). Die konkreten Akteure, die Jugendlichen, werden jedoch ambivalent gesehen. Einer jüngeren Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung ist zu entnehmen, dass Erwachsene (über 35 Jahre) Jugendliche mit Blick auf Gewalt, Umgang mit fremdem Eigentum und mit Drogen ziemlich skeptisch betrachten, wogegen sie Jugendlichen ausgeprägte technische Kompetenzen zuschreiben, jugendliches Engagement in der Gesellschaft für wichtig erachten und sie Jugendliche insgesamt für sympathisch halten. Es wird sich zeigen, ob sich die eher negative Haltung gegenüber Älteren, die sich z. B. auch in der Wahrnehmung älteren Erwerbspersonen und Arbeitnehmer niederschlägt (weniger leistungsfähig und belastbar, schwer wieder in Arbeit vermittelbar), bei der weiter steigenden Zahl Älterer ändern wird.

4. Lässt sich die Bevölkerungsentwicklung aufhalten?

Hoffnungen auf eine grundlegende Trendumkehr bestehen nicht. Möglich ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Abmilderung der Entwicklung. Dazu allerdings bedarf es familien-, bildungs-, sozial- und einwanderungspolitischer Veränderungen. Fatalismus ist angesichts der demographischen Verhältnisse ebenso fehl am Platze wie ein übergroßer Optimismus; dennoch muss gehandelt werden. Ohne Maßnahmen, die auf eine Stabilisierung der Altersstruktur abzielen, wird sich die Bevölkerung weiter massiv altern und schrumpfen, dass spätestens ab 2025-30 sehr massive ökonomische und soziale Folgen entstehen, welche die Zukunftsfähigkeit von Staat und Gesellschaft stark in Frage stellen. Ansatzpunkte gegen die „Unterjüngung“ der Gesellschaft (Lehr) sind einmal die „Nachwuchsförderung“ (Kaufmann), also Maßnahmen, die wieder zu mehr Geburten führen sowie auf der anderen Seite eine gezielte Zuwanderung. Jedoch werden auch die notwendigen Maßnahmen aller Voraussicht nach nur zu einer mehr oder weniger deutlichen Abmilderung der drohenden Bevölkerungskrise beitragen, nicht jedoch zu ihrer Beseitigung.
Dass Änderungen in der Bevölkerungsweise sehr wohl auch nachhaltig möglich sind, hat der französische Staat gezeigt, der seit den 1940er-Jahren aufgrund der dort bereits damals drohenden Alterung die Familien- bzw. Geburtenförderung zur Staatsangelegenheit machte und für eine verbesserte Vereinbarkeit von Kindern und (Teilzeit-)Berufstätigkeit der Mütter im (häufig staatlichen) tertiären Sektor sorgte, wobei das Bildungssystem durch Ganztagsschulen bzw. staatlich gesicherte Kinderbetreuungsplätze für die notwendige zeitliche Autonomie der Mütter sorgt. Die zusammengefassten Geburtenziffern in Frankreich liegen die vergangenen zwei Jahrzehnte über einigermaßen stabil um 1,8.
Dass andererseits bevölkerungspolitische Maßnahmen ohne eine entsprechende Haltung in der Bevölkerung nur begrenzt wirksam sind, zeigte die Situation in der ehemaligen DDR: hier versuchte die politische Führung in der 1970er- und auch 1980er-Jahren, durch Gewährung von ökonomischen und materiellen Vorteilen für Familien (z. B. Wohnungen), die Geburtenzahlen zu steigern. Allerdings war diese mit erheblichen Aufwendungen begleitete Kampagne nur vorübergehend erfolgreich. Anfang bis Mitte der 1980er-Jahre sanken die Geburtenzahlen wieder sehr deutlich.
Es ist unmöglich, das Probleme der alternden und schrumpfenden Bevölkerung entweder alleine über die Geburtensteigerung oder alleine über die Zuwanderung zu lösen. Um den Prozess alleine über die Geburten aufzuhalten und wieder umzukehren, wären fortan 3,8 Kinder pro Frau zwischen 15 und 45 Jahre nötig. Ebenfalls nicht realisierbar ist eine vollständige Lösung über die Migration, denn dies wäre mit einer Nettozuwanderung von ca. 188 Mio. Personen bis 2050 verbunden. Auch die (noch höhere) Reproduktionsleistung der hier lebenden Migranten bietet keine Lösung des demographischen Problems, denn sie nähern sich längerfristig den deutschen Verhältnissen an. Die Frage ist daher, mit welchen realisierbaren Strategien eine Abmilderung des Problems bewirkt werden kann.
Ein Wertewandel „von oben herab“ wird sich kaum realisieren lassen. Stigmatisierungsstratgien gegen Kinderlose wären hier ebenso wenig sinnvoll wie bloße Appelle für „mehr Familie(n)“. Von staatlicher Seite her können nur förderliche Rahmenbedingungen gegeben jund gefördert werden. Entscheidend für die Umsetzung und für Änderungen im Reproduktionshandeln wird auch hier ein nachhaltiger Diskurs unter den Normadressaten sein.
Sehr grundlegend müsste sich die gesellschaftliche bzw. politische Haltung ändern: Dass Kinder die Privatangelegenheit der Eltern sind mit der Folge, dass die Kosten ganz wesentlich privat (also von den Familien) zu tragen sind, hat das gegenwärtige Problem mit bewirkt (Kaufmann). Sie beizubehalten, würde das demographische Problem damit noch weiter verschärfen. Um von politischer bzw. staatlicher Seite aus Anreize zu einer Veränderung des Reproduktionshandelns zu geben, sind abgestimmte Änderungen in den dafür relevanten Bereichen Familie, Sozialstaat, Bildung, Erwerbsarbeit notwendig. Mit Blick auf die Geburten gilt es in Deutschland weniger, die Kinderzahl pro Familie zu steigern – sie liegt aktuell etwa bei 1,7 -, sondern wichtiger wären Anreize, die den Anteil kinderloser Frauen pro Geburtsjahrgang senken. Dazu müssen mehr Frauen motiviert werden, ein Kind zu wollen und/oder ihre vorhandene Motivation dazu muss im Lebenslauf aufrecht erhalten bleiben. Dies setzt Gelegenheitsstrukturen vorhanden, die eine Realisierung ohne die bisherigen Schwierigkeiten möglich werden und erscheinen lassen.
Es gibt mehrere Ansatzpunkt dafür: Maßnahmen und Strategien, die bei den Frauen bzw. (potenziellen) Müttern ansetzen und auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zielen, Maßnahmen, die bei den Kindern ansetzen wie die Bildungsförderung und die Ausweitung der Bildungschancen und finanziellen Umverteilungsmaßnahmen zugunsten von Familien, um gegen die relative ökonomische Schlechterstellung von Familien anzugehen. Eine Forderung in dem Zusammenhang ist es, den Lastenausgleich zugunsten von Familien zu ändern und Kinderlose finanziell steuerlich stärker zu belasten. Kinder zu haben, könnte dann nicht mehr ausschließlich ein Wert an sich sein, sondern müsste auch wieder mit ökonomischen Anreizen verbunden sein. Mehr institutionalisierte Kinderbetreuungsmöglichkeiten z. B. würden Familien mehr Handlungsspielraum für die Einkommensgewinnung geben und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeuten. Zudem können Möglichkeiten für Männer bzw. Väter, die Betreuung ihrer Kinder zu übernehmen, stärker unterstützt werden.
Auch der zweite Ansatzpunkt, die Steigerung der Zuwanderung, ist weder unproblematisch noch sollte die Erwartung an den Effekt zu hoch geschraubt werden. Die Wanderungssalden sind insgesamt gesehen längerfristig rückläufig seit 1993. Seit 2001 (+0,27 Mio.) sinken die Zahlen beinahe kontinuierlich (2007: +44.000). Jedoch würde selbst eine deutlich Steigerung des jährlichen Wanderungssaldos bis 2050 auf 300.000 Personen (2007 waren es ca. 44.000) würde das Altern nur leicht verlangsamen. Bei einem Saldo von 100.000 würde der Altenquotient 60 (Zahl der mindestens 60-Jährigen auf 100 Personen zwischen 20 und unter 60 Jahren) von aktuell ca. 47 auf geschätzt 83 steigen; ein 200.000er-Saldo würde nur eine minimale Verringerung (auf 80) bewirken und selbst bei einem 600.000er-Saldo würde der Altenquotient bei 68 liegen. Hier allerdings könnte eine Steigerung der zusammengefassten Geburtenrate auf 1,6 Kinder pro Frau deutliche Erleichterungen bringen, weil für denselben Effekt „nur“ noch ein Wanderungssaldo von 300.000 Personen notwendig wäre (Kaufmann). Allerdings wären unter denen gegebenen rechtlichen Zuwanderungsbedingungen und nach den bisherigen Wanderungssalden etwa 1 Mio. Zuwanderer im Jahr nötig, um einen positiven Saldo von 300.000 zu bewirken. Bis 2050 müsste demnach bei gleich bleibenden Bedingungen zahlenmäßig etwa die Hälfte der aktuellen Bevölkerung zuwandern, was die Gesellschaft vor massive Integrationsleistungen stellt und die Möglichkeit von sozialen sowie kulturellen Konflikten steigert.
Um Nachhaltigkeit zu bewirken, müssten zudem jüngere und gut qualifizierte Personen angezogen werden, die sich in die zu erwartende Arbeitsmarktstruktur eingliedern können. Ein Problem bei der gegenwärtigen Migranten- und besonders der Ausländerpopulation ist, dass ihr sozialstrukturelles Niveau insgesamt betrachtet deutlich unter dem der deutschen Bevölkerung (ohne Migrationshintergrund) liegt, was gerade am Bildungsniveau deutlich wird. Die Autorengruppe Bildungsberichterstattung geht aber in ihren Arbeitsmarktschätzungen von Stellenzuwächsen nur bei Meistern/Technikern (+0,5 Mio. Stellen bis 2020) und akademisch Qualifizierten (+1,1 Mio. für FH-Absolventen, + 0,9 Mio. für Uni-Absolventen) aus, wogegen die Nachfrage nach Kräften ohne abgeschlossene Berufsausbildung um knapp 0,8 Mio. sinken wird. Für die unabdingbare selektive Zuwanderung wäre allerdings ein entsprechend ausgestaltetes Zuwanderungsgesetz notwendig, das förderliche Aufenthalts-, Bleibe- und Einbürgerungsregelungen vorsieht und damit für die gut Qualifizierte oder Qualifizierungsinteressierte Anreize zur Einwanderung gibt Im internationalen Wettbewerb um qualifizierte Zuwanderer, die einen dauerhaften Aufenthalt anstreben, scheint Deutschland jedoch derzeit nur begrenzt attraktiv zu sein. Der zweite, unbedingt zu beachtende Ansatzpunkt ist die Höherqualifizierung der hier lebenden Migrantenpopulation, um darüber einmal ihre insgesamt geringere Arbeitsmarktchancen und ihre Integrationsmöglichkeiten zu steigern, was (künftige) soziale Konflikte abmildern kann.

5. Bevölkerungsentwicklung: Auswirkungen auf die Kriminalitätsbelastung?

Umfang, Struktur und Wandel der Bevölkerung sind auch für die Kriminalitätsentwicklung und der Kriminalitätsbelastung von Bedeutung: Abhängig von der sozialen, psychischen und körperlichen Entwicklung sowie von alterstypischen Verhaltensmustern (Risikoeinschätzung, Transgressionsbereitschaft, Freizeitverhalten) treten die verschiedenen strafrechtlich relevanten Handlungen in den verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich häufig auf. Inwieweit eine schrumpfende und alternde Bevölkerung die Fallzahlen und die Kriminalitätsbelastung beeinflusst, lässt sich nur vermuten. Die Entwicklung der Gelegenheitsstrukturen, der Kontrollstrategien, der (Ent-)Kriminalisierungsprozesse, der Anzeigebereitschaft oder der alterstypischen Verhaltensmuster lassen sich nicht vorweg bestimmen. Allgemein sollten aber Delikte, die typisch für unter 14-Jährige, Jugendliche, Heranwachsende und Jungerwachsene absolut gesehen rückläufig sein, nachdem der Anteil unter 20-Jähriger bis 2050 von derzeit einem Fünftel bis auf ein Sechstel der Bevölkerung zurückgeht In Extrapolation der bisherigen Entwicklung gäbe es dann weniger Sachbeschädigung, Leistungserschleichung, Körperverletzung, Raub und (mit Blick auf die unter 14-Jährigen) weniger einfachen Diebstahl.
Umgekehrt würden dann Delikte, die typisch für ältere Personen sind, durch die stark steigende Zahl Älterer zahlenmäßig deutlich zunehmen. Da aber Sachbeschädigung, Leistungserschleichung und einfacher Diebstahl bei den über 60-Jährigen wieder einen größeren Anteil an den (Hellfeld-)Straftaten ausmacht, könnte der zahlenmäßige Rückgang, der durch weniger Jugendliche entstehen kann, bei diesen Delikten durch mehr Ältere (bis 2050 etwa die Hälfte mehr Personen, die mindestens 60 Jahre alt sind) in Teilen wieder aufgefangen werden, wobei dies im Wesentlichen beim einfachen Diebstahl zutreffen dürfte. Mit Blick auf die Opfer könnte es sein, dass das typische Delikt an Älteren, der Handtaschenraub, durch die gestiegene Gelegenheitsstrukturen möglicherweise an Bedeutung gewinnt, es also mehr ältere Opfer geben kann. Das Altern der Gesellschaft wird auch Auswirkungen auf die Gefängnispopulation und die Ausgestaltung der JVA haben: so werden wahrscheinlich weniger Jugendgefängnisse oder zumindest Plätze in Jugendstrafanstalten, dafür aber mehr Einrichtungen bzw. Plätze für ältere Strafgefangene (einschließlich der damit verbundenen medizinischen Betreuung) notwendig werden.
Nicht prognostizierbar ist der Effekt der Wanderungen auf die Kriminalitätsentwicklung. Aktuell liegt der Anteil Nichtdeutscher im Hellfeld bei etwa einem Fünftel. Allerdings beeinflussen sozialstrukturelle Faktoren – die ausländische Population ist jünger, hat einen größeren Männeranteil, ist häufiger ledig – die überproportionale Belastung. Die Zahl an Ausländern bzw. Migranten wird durch die vermutlich steigende Einwanderung deutlich zunehmen. Wie sich das auf die Kriminalität auswirkt, hängt von der Richtung ab, in die sich die sozialstrukturelle Zusammensetzung dieser Klientel (Alter, Geschlechterrelation, Bildungsniveau, sozialer Status, kultureller Hintergrund) verändern wird sowie von der Veränderung der Anzeigebereitschaft bei der dann vermutlich ebenfalls weiter zunehmenden Zahl interethnischer Konflikte.

Literaturhinweise:
- Birg, Herwig (2003): Dynamik der demographischen Alterung, Bevölkerungsschrumpfung und Zuwanderung in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B20, S. 6-17 (unter: http://www.bpb.de/files/40BER3.pdf).
- Duschek, Klaus-Jürgen/Wirth, Heike (2005): Kinderlosigkeit von Frauen im Spiegel des Mikrozensus. Eine Kohortenanalyse der Mikrozensen 1987-2003. In: Wirtschaft und Statistik 8/2005, S. 800-820.
- Eisenmenger, Matthias/Pötzsch, Olga/Sommer, Bettina (2006): „11. koordinierte Bevöl-kerungsvorausberechnung – Annahmen und Ergebnisse“. (Hrsg.: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden – Gruppe VI A). (unter: www.destatis.de - Bevölkerung).
- Kaufmann, Franz-Xaver (2005): Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen. Frankfurt a. M.
- Mackenroth, Gerhard (1953): Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Berlin.
- Statistisches Bundesamt (2006): Generationensterbetafeln für Deutschland. Modellrechnungen für die Geburtsjahrgänge 1871-2004. Wiesbaden. (unter: www.destatis.de - Bevölkerung).
- Statistisches Bundesamt (2007): Demographischer Wandel. Heft 1: Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung im Bund und in den Ländern. Wiesbaden (unter: www.destatis.de - Bevölkerung).
- Statistisches Bundesamt (2008): Geburten in Deutschland. Wiesbaden. (unter: www.destastis.de – Bevölkerung).

Jens Luedtke
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