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Broken Windows
 
Der kriminalgeografische Ansatz der „Broken Windows“ stammt von den amerikanischen Sozialwissenschaftlern James Q. Wilson und George L. Kelling. Ihr Artikel „The police and neighborhood safety: Broken Windows“erschien 1982.
Die Autoren schildern darin das Experiment des Psychologen Zimbardo von 1969. Dieser stellte einen älteren Pkw ohne Kennzeichen und mit geöffneter Motorhaube im New Yorker Stadtteil Bronx ab. Innerhalb kürzester Zeit begannen die Menschen die brauchbaren Teile abzumontieren. Im Anschluss folgte die mutwillige Zerstörung der Überreste. In einem zweiten Experiment stellte er einen entsprechenden Pkw in der sozial und strukturell intakten kalifornischen Mittelstadt Palo Alto ab. Hier stand das Auto über eine Woche unverändert. Erst als Zimbardo selbst mit der Zerstörung begann, taten es ihm die Passanten gleich.
Wilson und Kelling übertrugen die Ergebnisse mittels der Broken-Windows-Theorie auf die kriminalpolitische Ebene. Ihrer (wissenschaftlich nicht überprüften) Überlegung nach reicht ein kleiner Auslöser, um eine folgenschwere Kettenreaktion in Gang zu setzen. Unordnung und Kriminalität stehen demnach in einem ursächlichen Zusammenhang. Als Symbol hierfür verwenden sie das Bild vom ersten zerbrochenen Fenster eines Hauses, das nicht ausgetauscht wird. In der Folge werden weitere Fenster des Hauses zerstört und Farbschmierereien angebracht. Anschließend überträgt sich der Verfall auf die anliegenden Häuser und Straßen, auf denen Unrat herumliegt (Unordnung/Verwahrlosung). Schließlich lassen sich Obdachlose, Trinker und Drogenabhängige nieder. Da sich offensichtlich niemand um den Verfall kümmert, können sie sich hier ungestört aufhalten (Abbau sozialer Kontrolle). Durch aggressives Betteln, laute Musik und Belästigungen meiden Passanten zunehmend den Raum (Unsicherheitsgefühl). Die Kriminalitätsfurcht wächst; die Bewohner ziehen weg. Die Anonymität steigt, die Mieten fallen. Aufgrund des günstigen Mietspiegels ziehen sozial und kriminell auffällige Personen in die leeren Wohnungen (strukturelle Änderung der Bevölkerung). Das Ergebnis dieses Prozesses ist ein verwahrloster Stadtteil, der nicht mehr lebenswert ist und in dem die Kriminalität, aufgrund fehlender Kontrolle und günstiger Gelegenheiten, wahrscheinlich steigen wird.
Dieser Verfall ist in einer intakten Nachbarschaft kaum möglich, da sich die Menschen dort im übertragenen Sinne um zerbrochene Fenster kümmern. So werden Fremde angesprochen und Vandalismusschäden repariert. Zur Verhinderung dieser Entwicklung kommt die Steigerung/Aufrechterhaltung der informellen Kontrolle durch die Bürger in Betracht. Diese wird durch die Polizei verstärkt, indem sie nicht ausschließlich Straftaten, sondern auch Verstöße gegen die öffentliche Ordnung verfolgt. Die Schlussfolgerung ist, dass sich Bürger, die sich in ihrer Umgebung sicher fühlen, engagierter für den Erhalt der intakten Nachbarschaft einsetzen.
 

 
Zusammengefasst soll die soziale, informelle, aber auch offizielle Kontrolle kleinster Ordnungsstörungen die Begehung schwerer Kriminalität und die Verwahrlosung eines Viertels verhindern. Bemerkenswert ist, dass die Broken-Windows-Theorie die vermeintlich wahren Ursachen für Kriminalität (Arbeits- und Perspektivlosigkeit, soziale Ungleichheit etc.) nicht angeht, sondern die Symptome in Form von Delinquenz verhindern will.
Wilson und Kelling gehören zu den so genannten „New Realists“ (Dreher/Kunz in: Dreher/Feltes 1997: 86), die den Täter als eigenverantwortlich handelndes und sich bewusst für abweichendes Verhalten entscheidendes Wesen sehen. Die Entscheidung falle nach einer Kosten-Nutzen-Abwägung. Um dies zu verhindern, muss die Entdeckungs- und Sanktionswahrscheinlichkeit der Tat erhöht werden.
Weitere Einflüsse der beiden Autoren stammen von der Chicago-Schule Shaws und McKays, die die Zusammenhänge vom geografischen Raum und Kriminalität untersuchten und feststellten, dass Kriminalität in manchen Gegenden öfter zu Tage tritt (transition zone) als in anderen.
Ein Ergebnis aus diesen Überlegungen ist das Community Policing, welches für enge Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bevölkerung steht, die ihren Beitrag zur kommunalen Sicherheit leistet. Die Polizei öffnet sich in diesem Ansatz für Aufgaben unterhalb der reinen Kriminalitätsbekämpfung. Das präventive Moment der Strategie ist besonders zu unterstreichen.
 
New York – Zero Tolerance
Zu Popularität gelangten die Broken Windows durch die repressive Umsetzung in den 1990er Jahren. Der New Yorker Police-Commissioner Bratton interpretierte den Ansatz als Null-Toleranz-Strategie und wollte so die verwahrlosten Räume wieder für die Normalbevölkerung zugänglich zu machen. Erreicht werden sollte dies durch strenges und nachdrückliches Einschreiten der Polizei. Angefangen bei kleinsten Verstößen wurde jegliches Fehlverhalten mit Null-Toleranz sanktioniert. Vorgegangen wurde gegen Personen, die geeignet waren, die Bevölkerung zu belästigen oder zu verunsichern (Obdachlose, Dealer etc.). Auch bei geringen Verstößen drohten Ingewahrsamnahme, Durchsuchung und Vernehmung. Die stete Gefahr, bei abweichendem Verhalten entdeckt zu werden, sollte Abschreckung erzeugen.
Tatsächlich sank die (registrierte) Kriminalität ganz erheblich. Kritiker bezweifeln jedoch, dass Brattons Strategie die (alleinige) Ursache für den Kriminalitätsrückgang in New York war, der auch in Gesamtamerika zu beobachten war. Städte mit anderen Polizeistrategien erzielten vergleichbare Erfolge. Mit dem Abklingen des Crack-Konsums zu Beginn der 1990er Jahre war insbesondere in New York mit einem Rückgang der Raub- und Tötungsdelikte zu rechnen. Für ursächlich wird auch der demografische Wandel gehalten, der den Anteil der stark kriminalitätsbelasteten jungen Männer schrumpfen ließ. Schließlich wird der Erfolg auf die Neuorganisation des Polizeiapparates zurückgeführt. Bemängelt wird weiterhin, dass das Vorgehen der Polizei außer Verhältnis zum Zweck stand. Die rigorose Umsetzung des Verfolgungs- und Vertreibungsauftrages begünstigte polizeiliche Übergriffe auf die Bürger. Die New Yorker Polizei musste enorme Entschädigungszahlungen an die Opfer unrechtmäßiger Maßnahmen vornehmen. Schließlich erhöhte sich die Gefängnispopulation durch die konsequente Strafverfolgung drastisch.
 
Literatur:
- Dreher, G./Feltes, Th. (Hg.) 1997: Das Modell New York: Kriminalprävention durch ,Zero Tolerance’? Empirische Polizeiforschung Band 12, Holzkirchen/Obb.
- Hess, H. 2004: Broken Windows – Zur Diskussion um die Strategie des New York Police Department, in: ZStW 116: 66-110
- Laue, C. 2002: Broken Windows und das New Yorker Modell – Vorbilder für die Kriminalprävention in deutschen Großstädten?, in: Landeshauptstadt Düsseldorf (Hg.): Düsseldorfer Gutachten: Empirisch gesicherte Erkenntnisse über kriminalpräventive Wirkungen, Düsseldorf, 333-436.
- Schlüsselbegriffe: Null-Toleranz, Zero Tolerance, New York, Community Policing, Kriminalitätsrückgang, Kriminalprävention

Stephan Morawski
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