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Krankheit
 
Im Rahmen des medizinischen Modells wird unter Krankheit eine Störung der normalen Organfunktionen oder des Organsystems verstanden. Damit ist ein fehlerhafter physikalischer Prozeß innerhalb eines Individuums gemeint. In diesem Sinn wird auch Geisteskrankheit und psychische Krankheit in der traditionellen Medizin verstanden. Die Abgrenzung von Krankheit gegenüber der Norm (Gesundheit) erfolgt durch definierte Symptome.
Durch den soziologisch orientierten Psychoanalytiker Mitscherlich wurde in der Bundesrepublik Mitte der 60er Jahre eine Diskussion um das medizinische Modell eingeleitet. Mitscherlich begriff Krankheit als Symptom eines sozialen Konflikts, wobei Krankheit "die Reaktionsmöglichkeit des erlebenden Individuums in hilfloser Lage" darstellt. Individuelle Erscheinungen von Krankheit (Krankheitsbilder) sind danach nur Symptome, deren Bekämpfung mit traditionell medizinischen Methoden an den Ursachen von Krankheit vorbeigeht.

Psychische Krankheiten (Störungen) sind somit keine individuellen, isolierten Ereignisse, sondern Produkt äußerer Einflüsse, die die Erlebnissphäre des Menschen beeinflussen.
Während Mitscherlich die politischen und ökonomischen Bedingungen von Krankheit vernachlässigt, werden diese von den Vertretern der *Antipsychiatrie und radikalen Psychiatrie als Ursache menschlichen Leidens gesehen. Sie betrachten psychische Störungen und Krankheiten in erster Linie als Zuschreibungen (Etikett), wodurch die Therapeutisierung und Institutionalisierung des Patienten vorbereitet wird. Sie sehen in der Entfremdung des Menschen (Entfremdung = Unterdrückung + Verschleierung + Isolation) die Ursache aller psychiatrischen Zustände.
Es gibt keinen einheitlich definierten Begriff von Krankheit und psychischer Erkrankung (Störung). Die Definition hängt maßgeblich vom Standpunkt des Definierenden ab, der sich an Mitteilungs- und Verwertungszusammenhängen orientiert. Im StGB finden sich solche Sachvorgaben in §§ 20 und 21 StGB (Schuldunfähigkeit bzw. Einschränkung wegen schwerer seelischer Störungen). Sie sind aber zudem durch Monopolisierungsansprüche seitens der wissenschaftlichen Disziplinen (Psychologie, Medizin) bei der Behandlung determiniert.

Literatur:
- Castel, R. u. a.: Die Psychiatrisierung des Alltags. Frankfurt a. M. 1982.
- Deppe, H.U.: Medizinische Soziologie. Frankfurt a.M. 1978. Mitscherlich, A.: Krankheit als Konflikt. Studien zur psychosomatischen Medizin. Frankfurt 1966.
- Scheff, Th.: Das Etikett Geisteskrankheit. Frankfurt a.M. 1980.

Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Kriminalistik-Verlages Heidelberg aus der gedruckten Version des Kriminologie-Lexikons, Stand der Bearbeitung: 1991

Helmut Janssen
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