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Kriminalitätstheorien
 
Die ersten Kriminalitätstheorien sind im 18. Jahrhundert entstanden. Am Beginn steht die "klassische Schule" mit den Hauptvertretern Cesare Beccaria und Jeremy Bentham. Diese Schule nimmt an, dass Personen kriminelle Handlungen nach Abwägung der Vor- und Nachteile aufgrund eines freien Willensentschlusses begehen. Das Menschenbild ist utilitaristisch geprägt: Menschliches Handeln sei bestimmt vom Streben nach Lust und vom Vermeiden von Schmerz. Der Schwerpunkt ihrer Ausführungen liegt allerdings nicht in der Konzeption einer Kriminalitätstheorie, sondern in Implikationen des beschriebenen Menschenbildes für die Gesellschaft und ihr Strafsystem. Das Ziel müsse sein, durch staatliche Bemühungen das größtmögliche Glück für möglichst viele Gesellschaftsmitglieder zu erreichen. Deshalb sei es gerechtfertigt, Straftaten durch eine Sanktionierung des Täters zu ahnden, denn durch die abschreckende Wirkung der Strafe würden Straftaten verhindert. Gesetze und Strafen tragen somit zu einer Maximierung des kollektiven Wohls bei.
 
Die ersten biologischen Kriminalitätstheorien stammen aus dem 19. Jahrhundert. Cesare Lombroso war Anhänger der Evolutionstheorie von Charles Darwin und postulierte, dass ein Mensch kriminell wird, wenn er entwicklungsgeschichtlich gesehen nur ein relativ niedriges Niveau erreicht hat. In einem solchen Menschen sei die Neigung zu kriminellem Verhalten biologisch oder seelisch verankert. Nach Lombrosos Ansicht ist bei Kriminellen ein Atavismus, also ein Rückfall in ein frühes Entwicklungsstadium der Menschheit, körperlich erkennbar, beispielsweise durch Henkelohren oder blasse Haut. Lombroso vermutete sogar eine Beziehung zwischen Anomalien bei einzelnen Körpermerkmalen und der Wahrscheinlichkeit, bestimmte Delikte zu verüben. Ein großer Teil von Lombrosos Studien ist auf die Suche nach Zusammenhängen zwischen biologischem Phänotyp und Kriminalität konzentriert. Problematisch dabei ist die positivistische Vorgehensweise, die persönliche Merkmale mit sanktionierter Kriminalität in Verbindung bringt, ohne die kausale Verbindung zwischen diesen Bereichen zu thematisieren. Der Ansatz wurde von Enrico Ferri weitergeführt; von ihm stammt der Begriff des "geborenen Verbrechers". In späteren Veröffentlichungen hat Lombroso seine Theorie freilich dahingehend eingeschränkt, dass nur ein Teil aller Täter zum Typus des geborenen Verbrechers gezählt wird.
 
Eine biopsychologische Erklärung von Delinquenz liefert die Arbeit von Hans Jürgen Eysenck. Kriminelles Verhalten ist nach diesem Ansatz bedingt durch die Interaktion zwischen angeborenen Merkmalen und individueller Sozialisation. Nach dieser Theorie ist Kriminalität abhängig von Persönlichkeitsmerkmalen, die ihrerseits eine Folge von Anlage- und Umweltfaktoren sind. Die relevanten Persönlichkeitsmerkmale sind Extraversion, Neurotizismus und Psychotizismus. Der Grad an Extrovertiertheit ist nach dem Ansatz von Eysenck abhängig vom Kortex einer Person, Neurotizismus vom limbisch-thalamischen System und Psychotizismus vom Hormonhaushalt.
 
Ende des 19. Jahrhunderts ist die erste soziologische Kriminalitätstheorie entstanden, die Anomietheorie von Emile Durkheim. Er erklärt Unterschiede in Selbstmordraten unter anderem durch anomische Zustände in der Gesellschaft. Darunter versteht Durkheim eine Situation der Regellosigkeit, der gestörten Ordnung und der Normlosigkeit. Ein anomischer Zustand in einer Gesellschaft entsteht durch schnellen sozialen Wandel, insbesondere durch die Bildung neuer Organe und Institutionen mit fehlender kooperativer und normativer gesellschaftlicher Einbindung, sowie durch eine Zunahme der Arbeitsteilung, wenn dadurch zwischen gesellschaftlichen Gruppen eine Kluft in der Akzeptanz gesellschaftlicher Normen entsteht. Ein solcher Zustand könne zu höheren Selbstmordraten, aber auch zu einem Anstieg der Mord- und Gewaltraten führen.
 
Die Anomietheorie von Robert K. Merton baut weitgehend auf der von Durkheim auf. Merton verwendet jedoch einen anderen Anomiebegriff. Er versteht darunter einen Zusammenbruch der kulturellen Struktur; diese besteht nach seiner Definition aus zwei Komponenten: den gesellschaftlich vorgegebenen Zielen und den legalen Möglichkeiten, diese Ziele zu erreichen. Anomie entsteht insbesondere dann, wenn die tatsächlich zur Verfügung stehenden Mittel, also die soziale Struktur, nicht ausreichen, die gesellschaftlichen Ziele auf legalem Weg zu erreichen. Anomie ist somit Folge eines Ziel-Mittel-Konflikts und wird als Ursache erhöhter Kriminalitätsraten gesehen. Werden die gesellschaftlichen Ziele akzeptiert und sind die legalen Mittel zur Zielerreichung nicht ausreichend, werden bei mangelnder Akzeptanz von Normen illegale Mittel verwendet, um das Ziel zu erreichen. Mangelnde Normakzeptanz ist somit nach Merton mitverantwortlich für hohe Kriminalitätsraten. Bei Merton besteht der Anomiebegriff folglich aus den Komponenten einer fehlenden Normgeltung, der Akzeptanz gesellschaftlicher Ziele und der Unzulänglichkeit legaler Mittel zur Zielerreichung. Durch diese Definition wird der Durkheimsche Anomiebegriff um die beiden letztgenannten Aspekte erweitert.
 
In einer späteren Arbeit hat Merton den Begriff der "Anomia" in seinen theoretischen Ansatz integriert und die ursprünglich oft unklare Zuordnung der zu erklärenden Ebene präzisiert. Während sich der Anomiebegriff auf die Makroebene bezieht, bezeichnet Anomia einen individuellen Zustand. Die Erklärungsmodelle für beide Ebenen sind allerdings weitgehend identisch. Das strukturelle Auseinandertreten von gesellschaftlichen Zielen und legalen Mitteln bedingt eine soziale Spannung, die auf gesellschaftlicher Ebene zur Anomie und auf individueller Ebene zu Anomia führt und dadurch erhöhte Kriminalitätsraten und Kriminalitätswahrscheinlichkeiten bedingt.
 
In der Interpretation der Anomietheorie durch Karl-Dieter Opp wird delinquentes Verhalten nicht durch eine einzige Ursache, sondern durch einen Ursachenkomplex erklärt, nämlich durch Ziele, Mittel und Normen. In dem Ansatz von Merton sind das die verschiedenen Komponenten des Anomiebegriffes. Ein weiterer Unterschied zu den älteren Versionen der Anomietheorie ist der klare Bezug zur Individualebene. Während das Durkheimsche Modell durch das Ziel, Raten abweichenden Verhaltens zu erklären, auf der gesellschaftlichen Ebene verortet ist und der Ansatz von Merton zusätzlich die individuelle Ebene umfasst, zielt das Erklärungsmodell von Opp ausschließlich auf die Erklärung individuellen abweichenden Verhaltens. Als Determinanten für abweichendes Verhalten nennt Opp die Intensität illegitimer Ziele und Normen, die Intensität legitimer Normen und die Möglichkeiten, die Ziele mit legitimen und mit illegitimen Mitteln zu erreichen. Der individuelle Grad der Geltung legitimer und illegitimer Normen und ihre Umsetzungsmöglichkeiten bei der Erreichung von Zielen sind somit die zentralen Merkmale für die Erklärung abweichenden Verhaltens.
 
Neben den Anomietheorien können die Subkulturtheorien den sozialstrukturellen Kriminalitätstheorien zugeordnet werden. Die ersten Arbeiten sind in der Tradition der Chicago-Schule entstanden, einer einflussreichen, sozialökologisch und empirisch orientierten Richtung in der amerikanischen Soziologie. Diese Theorien sind vor dem Hintergrund einer besonderen gesellschaftlichen Situation in den USA während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Durch mehrere Immigrationswellen und soziale Spannungen waren in größeren Städten ethnische Gruppen und Jugendbanden mit ihren spezifischen Werten und Normen in verschiedenen Stadtteilen verortet und somit räumlich getrennt. In dieser segmentierten Gesellschaft kam es relativ häufig zu Konflikten, sowohl zu manifesten Konfrontationen zwischen den einzelnen Gruppen, Banden und der Polizei als auch zu Kulturkonflikten. Thrasher, Cohen und Miller haben in erster Linie die Frage behandelt, wie delinquente Subkulturen charakterisiert werden können und wie ihre Normen und Werte an neue Mitglieder weitergegeben werden. Die Frage nach dem Ursprung dieser Kulturmuster hingegen blieb unbehandelt.
 
Ausgangspunkt der Subkulturtheorien ist eine Diskrepanz zwischen den dominierenden Normen und gesellschaftlichen Zielen der Mittelschicht und den untergeordneten Normen und Zielen der Unterschicht. Vor allem die sozial Benachteiligten in einer Gesellschaft können aufgrund ihrer schichtspezifischen Sozialisation und strukturell eingeschränkten Möglichkeiten die gesellschaftlichen Ziele nicht auf legalem Weg erreichen. Dieses Anpassungsproblem trifft insbesondere Unterschichtjugendliche. Sie können jedoch Statusdefizite durch die Partizipation an Subkulturen kompensieren. Dort werden Normen und Werte vertreten, die in der Unterschicht verbreitet sind, beispielsweise wird die Auseinandersetzung mit der Polizei und dem Gesetz positiv bewertet und Härte, Männlichkeit, Gerissenheit und personale Ungebundenheit werden als erstrebenswerte Eigenschaften und Ziele gesehen. Durch die Übernahme dieser Normen und Werte und aufgrund der daraus resultierenden Verhaltensweisen ist ein Statuserwerb möglich, wobei postuliert wird, dass die Aneignung subkultureller Normen und Werte die Wahrscheinlichkeit delinquenten Handelns erhöht.
 
Lerntheorien gehen davon aus, dass abweichendes Verhalten genauso erlernt wird wie konformes Verhalten. Eine klassische Lerntheorie zur Erklärung kriminellen Handelns ist der Ansatz von Sutherland. Nach dieser Theorie ist Kriminalität die Folge einer entsprechenden Einstellung. Diese und die zur Ausführung delinquenten Handelns notwendige Technik wird aufgrund von Kontakten mit Kriminellen meist in intimen persönlichen Gruppen erlernt - dabei ist das Kennenlernen krimineller Verhaltensmuster besonders wichtig. Durch welche Mechanismen normabweichende Verhaltensmuster übernommen werden, wird in der Theorie von Burgess und Akers ausgeführt. Nach dieser Theorie wird kriminelles Verhalten entsprechend den Prinzipien operanter Konditionierung gelernt. Nach diesen Grundsätzen ist die Auftretenswahrscheinlichkeit kriminellen Verhaltens umso größer, je stärker dieses Verhalten in der Vergangenheit belohnt und je weniger es bestraft wurde. Durch positive Verstärker werden kriminelle Verhaltensmuster erlernt, durch negative Verstärker wird Kriminalität gehemmt. Nach der sozial-kognitiven Lerntheorie von Bandura werden illegale Verhaltensweisen in erster Linie durch Beobachtung erlernt. Bei diesem "Lernen am Modell" spielen Bezugspersonen wie Eltern, Idole, Identifikationsfiguren in peer-groups und Medienvorbilder eine wichtige Rolle. Der Lernprozess ist nach diesem Ansatz aber keine reine Imitation der Handlungen nahe stehender Personen, sondern beinhaltet neben der sozialen auch eine kognitive Komponente, indem eine Bewertung von positiven oder negativen Konsequenzen vorgenommen wird.
 
Das sozialisationstheoretische Erklärungsmodell für delinquentes Verhalten berücksichtigt auf der mikrosoziologischen Ebene die Bedeutung von Sozialisationsstörungen sowie Sozialisationsdefiziten und auf der makrosoziologischen Ebene den Einfluss von soziökonomischen und kulturellen Merkmalen auf den Sozialisationsverlauf. Die wichtigsten Vertreter einer soziologischen Sozialisationstheorie sind Parsons und Bales. Delinquentes Verhalten sei - wie jedes soziale Verhalten - normativ orientiert. Es wird von den genannten Autoren im Wesentlichen durch ein Ungleichgewicht zwischen positiven und negativen Sanktionen erklärt. Eine Sozialisation, die zu einem normkonformen Verhaltensrepertoire führen soll, muss demnach auf ein Gleichgewicht zwischen Belohnung, Liebe und Zuwendung einerseits und Reglementierung, Bestrafung und Kontrolle andererseits bedacht sein.
 
Eine weitere Sozialisationstheorie stammt von Kohlberg, der ein sechsstufiges Modell der Moralentwicklung konzipiert hat. Bei einer Person auf der niedrigsten Moralstufe bestimmen die materiellen Folgen einer Handlung, ob sie als gut oder schlecht angesehen wird. Mögliche Folgen für andere Menschen werden in Entscheidungsprozessen nicht berücksichtigt, die Perspektive ist egozentrisch. Auf der höchsten Moralstufe hingegen treffen Personen ihre Moralurteile auf Grund frei gewählter Grundsätze. Sie orientieren sich an universellen moralischen und ethischen Prinzipien der Gerechtigkeit, insbesondere an den Menschenrechten, am kategorischen Imperativ und an der Achtung vor der Würde des Menschen. Kohlberg nimmt an, dass das erreichte Niveau hinsichtlich der Moralentwicklung relevant ist für "moralisches Handeln". Dieses ist gleichbedeutend mit dem Widerstand gegen Versuchungen, die aus dem Konflikt zwischen Bedürfnissen und Gewissen resultieren. Nach Kohlberg wird die Überzeugung, dass Menschen für die Folgen ihrer Taten einzustehen haben, mit zunehmender Moralentwicklung evidenter. Folglich ist zu erwarten, dass von Personen auf einer hohen Moralstufe Handlungen, die negative Folgen für andere haben können, nicht realisiert werden. Je höher die erreichte Moralstufe einer Person ist, desto geringer ist demnach die Wahrscheinlichkeit delinquenten Handelns.
 
Zu den ätiologischen Theorien gehört auch die von Hirschi begründete Kontrolltheorie. Durch Sozialisationsprozesse müsse der Mensch lernen, seine Freiheit einzuschränken, auch die Freiheit, nach seinen Wunschvorstellungen zu handeln und Straftaten zu begehen. Der Erfolg dieses Prozesses ist von vier Faktoren abhängig, die verschiedene Bindungsformen und die damit verbundenen Kontrollarten repräsentieren: attachment, commitment, involvement und belief. "Attachment" meint die Bindungen durch emotionale persönliche Beziehungen; das Objekt ist eine Person oder eine Institution, beispielsweise Eltern, Freunde oder Schule. Unter "commitment" werden Bindungen an soziale Rollen verstanden, insbesondere alle sozialen Investitionen wie beispielsweise das Erreichen eines beruflichen oder privaten Status, der verloren gehen könnte, wenn Normverstöße bekannt werden. "Involvement" ist die organisatorische Einbindung in Institutionen und konventionelle Aktivitäten, die erstens mit zeitlichen Restriktionen verbunden sind und dadurch die Möglichkeiten zu delinquenten Handlungen einschränken und zweitens mit kognitiven Restriktionen korrespondieren, so dass die Möglichkeit illegaler Problemlösungen nur in beschränktem Umfang berücksichtigt werden kann. "Belief" ist der Glaube an die Verbindlichkeit konventioneller Moralvorstellungen und Glaubensüberzeugungen. Je stärker alle vier Elemente ausgeprägt sind, desto geringer ist nach Hirschi die Wahrscheinlichkeit, kriminelle Handlungen zu verüben.
 
Gottfredson und Hirschi haben diesen Ansatz zu einer Theorie der Selbstkontrolle erweitert. Ihr Anspruch ist, damit eine allgemeine Kriminalitätstheorie formuliert zu haben, mit der alle Formen von Kriminalität und alle kriminellen Handlungen zu jedem Zeitpunkt des Lebens eines Menschen erklärt werden können. Ausgangspunkt ihres Ansatzes ist die Frage nach dem Wesen und der Natur der Kriminalität, um daraus ihre Ursachen abzuleiten. Kriminelle Handlungen können demnach mit geringen kognitiven und manuellen Fähigkeiten durchgeführt werden und versprechen eine sofortige und leicht zu erlangende Belohnung, während das Bestrafungsrisiko tendenziell in "ferner" Zukunft liegt. Insgesamt gesehen ist also der kurzfristig erzielbare Nutzen durch kriminelle Handlungen vergleichsweise hoch, langfristig gesehen haben sie allerdings einen relativ geringen Nutzen oder sogar eine negative Nutzenbilanz. Aus dieser Phänomenologie der Kriminalität können ihre Ursachen abgeleitet werden. Ein rational handelnder Mensch wird Kosten und Nutzen von Handlungen abwägen und deshalb in der Regel nicht kriminell handeln. Werden allerdings von einer Person die kurzfristig zu erreichenden Vorteile überbetont und die langfristig anfallenden Kosten kaum berücksichtigt, ist delinquentes Handeln wahrscheinlicher als bei einer Person mit realistischer Nutzeneinschätzung. Die Fähigkeit, auch langfristige Kostenaspekte in Überlegungen einzubeziehen, wird als "Selbstkontrolle" bezeichnet. Eine Person mit ausgeprägter Selbstkontrolle ist demnach in der Lage, auf unmittelbare aufwandslose Befriedigungen verzichten zu können, wenn sie mit einer gewissen Verzögerung auch negative Effekte mit sich bringen. Die Ausbildung der Selbstkontrolle geschieht weitgehend in der Familie. Insgesamt gesehen ist der Ansatz von Gottfredson und Hirschi eine Verknüpfung der Rational-Choice-Theorie mit der Sozialisationstheorie und erklärt kriminelles Handeln vor allem durch die fehlende soziale Kontrolle in der Kindheit, die zu einem Defizit bei der Ausbildung der Selbstkontrolle und damit zu Einschränkungen bei rationalen Entscheidungsfindungen führt.
 
Eine Gegenposition zu allen ätiologischen Kriminalitätstheorien nehmen konstruktivistische Ansätze ein: die Labelingtheorien und die Ethnomethodologie. Die zentrale Fragestellung der Labelingtheorien ist, wie und weshalb innerhalb von Interaktionsverläufen das Etikett "kriminell" vergeben wird. Die Klassifikation als kriminelles Verhalten wird als Ergebnis eines gesellschaftlichen Definitions- und Zuschreibungsprozesses gesehen, wobei diese Zuschreibung selektiv vorgenommen wird. Maßgebend für eine Kriminalisierung sind die Stigmata des Betroffenen. Kriminalität ist somit nicht das Ergebnis einer Handlung, sondern Resultat eines Etikettierungsprozesses. Infolgedessen liegt der thematische Schwerpunkt dieser Theorien in der Beschreibung und Erklärung der Zuschreibung von Kriminalität und nicht in der Erklärung der kriminellen Handlung.
 
Die Vertreter der Labelingtheorie, beispielsweise Tannenbaum, Becker und Lemert, stehen in der Tradition von Mead und seinem symbolischen Interaktionismus, während die Vertreter des ethnomethodologischen Ansatzes, insbesondere Cicourel, auf den Arbeiten von Schütz und Husserl aufbauen. Der wesentliche Unterschied zwischen Labelingtheorie und ethnomethodologischem Ansatz liegt in den unterschiedlichen Theorietraditionen. Zudem ist eine Diskrepanz in der Bedeutung ätiologischer Aspekte vorhanden: In der Ethnomethodologie wird die Frage nach den Ursachen delinquenten Verhaltens vollständig ausgeklammert, während sie in der Labelingtheorie eine marginale Rolle spielen kann.
 
Neben Garfinkel, der sich vor allem mit grundlagentheoretischen Fragen befasst, gilt Cicourel als einer der Hauptvertreter des ethnomethodologischen Ansatzes. Sein Ziel ist, die Basisregeln von Kontrollinstanzen aufzuzeigen, die in Interaktionen zu der Etikettierung einer Person als "kriminell" führen. Die Basisregeln bestehen vor allem aus Alltagstheorien über die Ursachen delinquenten Verhaltens. Diese Alltagstheorien der Vertreter der Justiz bestimmen ihre Interpretationen von Interaktionen. Die Reaktionen der Kontrollorgane erfolgen, so Cicourel, nicht aufgrund von Rechtsbrüchen, sondern aufgrund der durch die Alltagstheorien bedingten selektiven interpretativen Wahrnehmung von Wirklichkeit und aufgrund der Interpretation der zu beurteilenden Handlung.
 
Im Gegensatz zum ethnomethodologischen Ansatz berücksichtigen die gemäßigten Vertreter der Labelingtheorie, dass es eine Beziehung zwischen kriminellem Handeln einerseits und der Kriminalisierung durch Justiz und Bevölkerung andererseits geben kann. Besonders deutlich wird dies in der Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Devianz durch Lemert. Die beiden Begriffe kennzeichnen verschiedene Stadien krimineller Karrieren. Die primäre Devianz umfasst die ursprünglichen, zu Beginn der Karriere verübten Rechtsverletzungen. Die möglichen strukturellen und individuellen Ursachen für diese Handlungen diskutiert Lemert jedoch nur am Rande. Werden diese Normübertretungen in den Alltag integriert und als "normale" Handlung angesehen, hat dies keine negativen Konsequenzen für die Betroffenen. Erst wenn dieser Prozess der Normalisierung misslingt und soziale Kontrollinstanzen das abweichende Individuum entsprechend etikettieren und dadurch stigmatisieren, beginnt ein Prozess der Übernahme der abweichenden Rolle - das ursprüngliche Selbstbild wird durch das Fremdbild ersetzt. Dies führt zu Verhaltensänderungen, zu sekundärer Devianz. Demnach ist kriminelles Handeln insbesondere das Ergebnis von Stigmatisierungen und Kriminalisierungen.
 
Eine vergleichbare Position wie Lemert nimmt Becker ein. Er konstruiert ein Modell für die Entwicklung delinquenten Verhaltens, wobei Delinquenz und Stigmatisierungen in einer Wechselbeziehung stehen. Man braucht nur eine einzige kriminelle Handlung zu begehen, um als Krimineller bezeichnet zu werden und alle damit verbundenen Stigmatisierungen zu erfahren. Durch die justizielle Reaktion auf normverletzendes Verhalten erhält das Individuum einen neuen Status: Es wird als Rauschgiftsüchtiger, Krimineller oder Geistesgestörter abgestempelt und entsprechend behandelt. Dieser Prozess beinhaltet, so Becker, die Zuschreibung von Merkmalen, die als charakteristisch für einen Kriminellen gelten - dazu zählt auch die Wiederholung der Straftat. Eine solche Erwartungshaltung verändert das Verhalten der Personen, die mit dem Stigmatisierten Kontakt haben - und letztlich auch sein Verhalten. Kriminalität ist demnach eine auf das Verhalten von Personen übertragene Eigenschaft und nicht den Personen immanent. So sind es letztlich die Instanzen sozialer Kontrolle, die durch Zuschreibungsprozesse entscheidend zu kriminellen Karrieren beitragen, indem das von ihnen geschaffene Fremdbild von den Betroffenen allmählich übernommen wird. Eine kriminelle Karriere wird durch den Zuschreibungsprozess zum Akt der self-fulfilling prophecy.
 
Während viele Labelingtheoretiker und Vertreter des ethnomethodologischen Ansatzes die Mechanismen der Kriminalisierung ausschließlich auf der Individualebene beschreiben, bezieht insbesondere Sack die gesellschaftliche Ebene mit ein. Ausgangspunkt seines Ansatzes ist die Annahme einer ubiquitären Verteilung von Kriminalität. Nahezu alle Menschen sind kriminell, aber nur ein ganz kleiner Prozentsatz der kriminellen Handlungen wird sanktioniert. Die Selektion basiert nicht auf einem Zufallsprozess, sondern auf unterschiedlichen Interpretationen von Handlungen. Eine Handlung liefert ihre eigene Interpretation nicht mit, diese erfolgt extern. Das Ergebnis der Interpretation einer Handlung seitens der Strafjustiz ist die Zuschreibung der Etikette "kriminell" oder "rechtskonform". Damit kann das Gericht ein neues Merkmal für den Angeklagten erzeugen und ihn in einen Status versetzen, den er vorher nicht hatte. Die Selektion der Sanktionierten und die Aufteilung der Gesellschaft in gesetzestreue und normverletzende Bürger findet zwar auf der Individualebene statt, aber die Mechanismen zur Errichtung dieser Ordnungsprinzipien sind auf der gesellschaftlichen Ebene zu finden. In Anlehnung an den materialistischen Ansatz versteht Sack Kriminalität als negatives Gut, als genaues Gegenstück zum Privileg, einem positiven Gut. Die Verteilung der positiven und negativen Güter in der Gesellschaft geschieht jeweils nach dem gleichen Mechanismus, sie ist das Produkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und abhängig von Macht. Die gesellschaftlich ungleiche Verteilung negativer Güter führt zu einem erhöhten Sanktionsrisiko der unteren Schichten und von Personen mit strukturellen und funktionalen Defiziten im Elternhaus. Solche Individuen müssen damit rechnen, dass ihr Verhalten von den Trägern der öffentlichen sozialen Kontrolle mit größerer Wahrscheinlichkeit als kriminell definiert wird als das von jemandem, der sich in gleicher Weise verhält, aber einer anderen sozialen Schicht angehört oder aus einem intakten Elternhaus kommt.
 
Die konstruktivistische Kriminalitätstheorie von Hess und Scheerer, Haferkamps handlungstheoretischer Ansatz und die voluntaristische Kriminalitätstheorie von Hermann gehören zu den neueren Theorien. Sie unterscheiden sich insbesondere durch ihr Verständnis über die Reichweite von Kriminalitätstheorien von den oben aufgeführten Klassikern.
 
Hess und Scheerer verstehen ihre Arbeit als Entwurf einer allgemeinen Kriminalitätstheorie, als Konzeption einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie, die sowohl die Mikro- als auch die Makroebene der Kriminalität berücksichtigt. Auf der Makroebene werden die Mechanismen der Normgenese, die Organisation von Kontrollinstanzen und die Darstellung formell definierter Kriminalität durch Kriminalstatistiken thematisiert. Die Hypothesen zur Mikroebene beziehen sich auf kriminelles Handeln und Interaktionen mit Kontrollinstanzen. Die Entstehung von Normen in einer Gesellschaft wird von den Autoren durch einen herrschaftstheoretischen Ansatz begründet. Für die Erklärung krimineller Handlungen und Interaktionen mit Kontrollorganen greifen die Autoren auf ein Karrieremodell zurück, in das psychologische Motivationstheorien, die Anomietheorie, lerntheoretische und kontrolltheoretische Ansätze, utilitaristische Kriminalitätstheorien und Labelingtheorien einfließen. In diesem Ansatz ist Kriminalität somit kein Konstrukt wie in radikalen labelingtheoretischen Ansätzen, sondern etwas real Existierendes, das Ursachen in der Person und Umgebung hat. Eine Person, so wird postuliert, hat Handlungsmotive und setzt diese auf Grund der Einschätzung von subjektiven und objektiven Möglichkeiten in die Tat um. Sie handelt kriminell, wenn erstens entsprechende Motive vorliegen, zweitens die Einschätzung einer Realisierung günstig ausfällt und drittens soziale Kontrollmaßnahmen neutralisiert werden können. Nach einer Entdeckung durch Kontrollaktionen folgt eine Etikettierung als Krimineller - mit entsprechenden Konsequenzen für die Entwicklung krimineller Karrieren.
 
Haferkamp hat in seinem handlungstheoretischen Ansatz das Ziel, eine Theorie kriminellen Handelns, eine Theorie zur Erklärung des Kriminalitätswandels, eine Theorie der gesellschaftlichen Kontrolle von Kriminalität und eine Theorie der Normgenese zu entwerfen. Ein zentraler Begriff in seinem Ansatz krimineller Handlungen ist die "Mängellage". Jede soziale Handlung resultiert nach der Ansicht von Haferkamp in erster Linie aus der Verarbeitung von Mangelsituationen. Dies sind restriktive Faktoren bei der Wahl der Handlungsmittel. Die konkrete Handlungswahl wird mit Hilfe einer "Selektionsregel" getroffen, also insbesondere die Werte des Handelnden. Die handlungsrelevanten Faktoren für den kriminellen Akt sind vor allem die Ziele, Mittel, Werte und Mängellagen des Handelnden. Für die Konstruktion einer Theorie der Entstehung von Normen verwendet Haferkamp herrschaftssoziologische Theorieelemente. Ausgangspunkt des Normsetzungsprozesses sind Mängellagen auf gesellschaftlicher Ebene, die aus der Sicht von Interessengruppen überwunden werden sollen. Macht und Herrschaft der bei der Normsetzung beteiligten Gruppen entscheiden in einem Aushandlungsprozess über das Ergebnis der Normsetzung und über die Kontrolle der Normeinhaltung. Insgesamt gesehen kann die Theorie von Haferkamp als kultursoziologische Deprivationstheorie gesehen werden.
 
Die voluntaristische Kriminalitätstheorie ist ein Ansatz, der Mikro- und Makroebene, statische und dynamische Aspekte von Kriminalität sowie Handlungs- und Zuschreibungsebene berücksichtigen will. Als theoretische Basis wurden die Handlungs- und Gesellschaftstheorie von Parsons sowie verwandte Ansätze verwendet. Demnach wird der Mensch als produktiv realitätsverarbeitendes Subjekt gesehen, das in eine komplexe Umwelt eingebunden ist. Zur Reduzierung der Komplexität, zur Verarbeitung der Informationen und zur Auswahl von subjektiv Wichtigem werden Stereotypen sowie Normen und Werte verwendet - das sind Faktoren, die von der strukturellen Verortung des Handelnden abhängig sind. Diese "Filter" beeinflussen nicht nur das Ergebnis der Informationsverarbeitung, sondern sind auch Selektionsfaktoren für die Auswahl von Handlungszielen und von Mitteln zur Zielerreichung. Aus der Vielfalt wahrgenommener Ziele und Mittel muss vor jeder Handlung eine Auswahl getroffen werden. Durch Werte können wichtige von unwichtigen Handlungszielen unterschieden und durch Normen können akzeptierte von nicht akzeptierten Handlungsmitteln abgegrenzt werden. Jede Handlung ist sowohl das Ergebnis der Wahrnehmung der Situation als auch der Auswahl von Handlungszielen und Handlungsmitteln. Die Anwendung dieses handlungstheoretischen Ansatzes auf Kriminalität postuliert, dass Wertorientierungen von zentraler Bedeutung sind. Empirisch gesehen sind sie von Strukturmerkmalen wie Alter und Bildung abhängig und beeinflussen über die Normakzeptanz des Individuums seine Kriminalität. Dabei sind insbesondere zwei Wertedimensionen von Bedeutung: die Dimension der traditionellen Werte und die Dimension der modernen materialistischen Werte. Die erstgenannte Dimension umfasst die Orientierung an einer normenbezogenen Leistungsethik sowie an christlichen und konservativen Werten, die zweite Dimension beinhaltet die Orientierung an subkulturell materialistischen sowie hedonistischen Zielen. Empirisch überprüft und nicht falsifiziert wurden folgende Hypothesen: (1) je ausgeprägter die Orientierung an traditionellen Werten ist, desto höher ist die Normakzeptanz und desto geringer ist die Delinquenzhäufigkeit und -schwere, und (2) je ausgeprägter die Orientierung an modernen materialistischen Werten ist, desto geringer ist die Normakzeptanz und desto größer ist die Delinquenzhäufigkeit und -schwere.
 
Die mikrosoziologisch formulierten Hypothesen können auch auf die Makroebene übertragen werden. Demnach ist die Kriminalitätsrate einer Gesellschaft vom Niveau der Normgeltung abhängig, und dieses wird sowohl von traditionellen als auch von modern-materialistischen gesellschaftlichen Werten beeinflusst. Auch diese Hypothesen konnten empirisch bestätigt werden. Sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene sind Normen und Werte die zentralen erklärenden Variablen.
 
Literatur:
 
- Camus, Jürgen und Agnes Elting, 1982: Grundlagen und Möglichkeiten integrationstheoretischer Konzeptionen in der kriminologischen Forschung. Brockmeyer, Bochum
- Hermann, Dieter, 2003: Werte und Kriminalität. Konzeption einer allgemeinen Kriminalitätstheorie. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden
- Lamnek, Siegfried (1997) Theorien abweichenden Verhaltens. UTB, München
 

Dieter Herrmann
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