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Kinderdelinquenz
 
Minderjährige bis zum vollendeten 14. Lebensjahr sind in der Bundesrepublik für ihre Straftaten nicht verantwortlich (§ 19 StGB). Wenn Kinder sich abweichend verhalten und gegen das geltende Strafrecht verstoßen, spricht man daher gewöhnlich nicht von Kriminalität, sondern verwendet den weniger stigmatisierenden Begriff der Kinderdelinquenz.
 
Ungeachtet ihrer juristischen Einstufung als schuldunfähig und strafunmündig geraten zunehmend auch delinquente Kinder in das Blickfeld der öffentlichen und massenmedialen Wahrnehmung und Diskussion (insbesondere auch zur Herabsetzung des Eintrittsalters in die bedingte Strafmündigkeit). Der Eindruck vieler Erwachsener wird durch folgende, in der Formulierung zugespitzte, Annahmen geprägt: Die Anzahl der delinquenten Kinder steigt, sie beginnen immer früher mit devianten Handlungen, und die verübten Taten werden immer brutaler.
 
Das Formulieren wissenschaftlich fundierter Aussagen zu Quantität und Qualität kindlicher Delinquenz ist schwierig. Üblicherweise wird als Hauptdatenquelle die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) herangezogen. Diese kann jedoch nur Bezug nehmen auf den Teil der delinquenten Handlungen, der im so genannten Hellfeld stattfindet und statistisch "sichtbar" wird. Für die Kriminologie und die Kriminalpolitik zeichnet sich eine zunehmende Bedeutung der Dunkelfeldforschung ab. Im Folgenden wird zunächst auf Befunde aus dem Hellfeld eingegangen, anschließend werden Ergebnisse der Dunkelfeldforschung thematisiert.
 
Anhand der PKS-Daten lassen sich einige interessante Entwicklungen der Kinderdelinquenz aufzeigen. Auf methodisch bedingte Einschränkungen der Aussagekraft muss jedoch zunächst hingewiesen werden. Die PKS gibt lediglich Tatverdächtigenzahlen an, wobei es zum einen nicht für jede Tat, so sie überhaupt entdeckt wird, auch einen Verdächtigen gibt und zum anderen ein Verdächtiger nicht zwangsläufig auch der tatsächliche Täter und auch nicht der tatsächlich Verurteilte sein muss. Außerdem wird das Anzeigeverhalten und die Bearbeitung der Fälle durch die Strafverfolgungsbehörden zu einem gewissen Teil von kriminalitätsbezogenen Alltagstheorien der Handelnden beeinflusst, wodurch die Chance, angezeigt zu werden, beispielsweise für eine Person aus einem sozial schwachen Milieu tendenziell höher ist als die Chance einer Person aus dem bürgerlichen Milieu.
 
In den Jahren zwischen 1993 und 1998 weist die PKS einen Anstieg der Tatverdächtigenzahl von 88.276 auf 152.774 aus, d.h. eine Steigerung um 73 Prozent. Ein Vergleich mit früheren Jahren ist aufgrund von Umstellungen der Statistik nach der Wiedervereinigung schwierig. Seit 1999 ist der Trend allerdings deutlich rückläufig. In der Statistik für das Jahr 2005 waren 103.124 Kinder als tatverdächtig registriert, also nur noch ca. 17 Prozent mehr als 1993 bzw. 32 Prozent weniger als 1998.
 
Zur Frage, ob sich das Durchschnittsalter der tatverdächtigen Kinder verjüngt hat, liegt eine Analyse der PKS-Daten von Wiebke Steffen (2002: 157) vor. Als wesentlicher Befund lässt sich festhalten, dass die These von den immer jüngeren Kriminellen nicht bestätigt werden kann: Im Vergleich der Jahre 1993 und 2000 ergab sich, dass der Anteil aller Altersgruppen zwischen 6 und 12 Jahren zurückgegangen ist. Bei den 12- bis 14-Jährigen, die in diesem Zeitraum deutlich über 50 Prozent der tatverdächtigen Kinder ausmachten, ist der Anteil hingegen gestiegen. Eine leicht abweichende Tendenz stellte Steffen im Bereich der Gewaltkriminalität fest: Hier haben sich die Anteile der Kinder zwischen 8 und 12 Jahren an allen tatverdächtigen Kindern leicht erhöht.
 
Hinsichtlich der Deliktstruktur zeigt sich, dass Kinderdelinquenz zu einem überwiegenden Teil durch Bagatelldelikte geprägt ist. Häufig handelt es sich um ungeplante Taten, wie z.B. das Stehlen von Süßigkeiten oder Spielzeug. Zwischen 1993 und 2000 betrug die Quote der Ladendiebe an der Gesamtzahl der kindlichen Tatverdächtigen in der PKS über 50 Prozent, um in den Folgejahren allerdings bis auf 43 Prozent (2005) abzusinken. Rückgänge lassen sich in den letzten Jahren auch bei Sachbeschädigungen und schwereren Diebstählen verzeichnen. Bedenkenswert ist, dass der Trend bei Körperverletzungen eine andere Entwicklung genommen hat; diese nahmen zwischen 1993 und 2004 fast kontinuierlich - sowohl prozentual als auch absolut - zu: Die absoluten Zahlen verdreifachten sich beinahe von 6719 (1993) auf 18.660 (2004). 2005 ging die absolute Fallzahl zwar wieder um rund 5 Prozent auf 17.738 zurück, da der Rückgang in anderen Bereichen allerdings höher ausfiel, nahm der relative Anteil der Körperverletzungen aber sogar zu.
 
Für das Jahr 2005 sieht die Verteilung der wichtigsten Deliktbereiche folgendermaßen aus: 43 Prozent der Tatverdächtigen wurden im Bereich Ladendiebstahl ermittelt, 18 Prozent im Bereich Sachbeschädigung, 17 Prozent fielen durch Körperverletzung auf und 7 Prozent durch schweren Diebstahl. Die Anzahl der Raubdelikte lag zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags noch nicht vor. 2004 lag ihr Anteil bei 2 Prozent.
 
Resümierend lässt sich anhand der PKS-Daten erkennen, dass der überwiegende Teil der angezeigten Taten von vergleichsweise harmloser Natur ist. Aus der Dunkelfeldforschung geht allerdings hervor, dass deviante Handlungen unterhalb der strafrechtlichen Schwelle bzw. strafrechtlich relevante Taten, die aber nicht entdeckt oder angezeigt werden, in vielen Schulklassen verbreitet sind. Das Schikanieren und Drangsalieren von Mitschülern wird heute unter dem Begriff des Mobbing subsumiert. Auch das Herunterladen von Musik in illegalen Internettauschbörsen, das Vervielfältigen und Kopieren von CDs und Computerspielen oder das Sprühen von Graffiti - Handlungen, die bis vor einiger Zeit in der Grauzone der Legalität stattfanden, inzwischen aber gesetzlich relativ eindeutig geregelt sind - sind heute keine Seltenheit.
 
Auf der Basis kriminologischer Dunkelfeldforschung geht man davon aus, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen (90 Prozent und mehr) in ihrer Kindheit oder Jugendzeit zumindest einmal im strafrechtlichen Sinne auffällig wird, dass aber nur ein kleiner Teil deshalb mit der Polizei in Berührung kommt. Für viele Menschen ist Delinquenz eine Begleiterscheinung des Aufwachsens und der Entwicklung, bei der es darum geht, Grenzen auszutesten. Auch wenn dieses Verhalten mitunter nicht entdeckt und sanktioniert wird, geben die meisten Menschen derartige Verhaltensweisen spätestens mit dem Übergang in das Erwachsenenalter wieder auf (vgl. Maschke 2003). Deutlich wird das in der Statistik daran, dass nach einem steilen Anstieg der Kriminalitätsrate zu Beginn des Strafmündigkeitsalters und während der Jugendphase die Kurve ab Mitte der dritten Lebensdekade steil abfällt. Allerdings gibt es eine kleine Gruppe von so genannten Vielfach- oder Intensivtätern, die oft bereits in der Kindheit auffallen und ihre Kriminalitätsneigung auch später im Erwachsenenalter beibehalten oder sogar intensivieren.
 
Psychologen sehen die Ursachen für die traditionell hohe Kriminalitätsbelastung junger Menschen meist in Bedingungskonstellationen, die Straftaten begünstigen und in der Phase des Aufwachsens häufiger auftauchen als im späteren Leben. Beispielsweise können Bindungsdefizite, Schulprobleme, Ablehnung durch Gleichaltrige etc. als Risiken angesehen werden.
 
Lösel & Bliesener (2003: 19) stellen den Risiken, denen junge Menschen ausgesetzt sind, so genannte protektive Faktoren gegenüber, die als eine Art Schutzwall gegen abweichendes Verhalten dienen. Genannt werden unter anderem ein einfaches Temperament, emotionale Zuwendung seitens anderer oder auch Erwachsene, die selbst unter widrigen Umständen positive Vorbilder sind. Die zugrunde liegenden Prozesse, die Wechselwirkungen und Einflüsse der einzelnen Schutz- und Risikofaktoren, sind bislang aber erst ansatzweise erforscht. Relevant für die Frage, wie diese Faktoren wirken können, ist neben dem gesamtgesellschaftlichen Klima und der sozialen Umgebung auch der individuelle Entwicklungsstand des Kindes. Charakteristisch für die Kindheitsphase ist, dass Kinder die Befriedigung der Bedürfnisse oder die Beendigung unangenehmer Spannungszustände nicht lange aufschieben können und sich folglich an einem engen Zeitraster orientieren. Hinzu kommt, dass sich bei Kindern, die sich in einer Normtestphase befinden, ein spezifisches Unrechtsbewusstsein erst entwickeln muss.
 
Verhalten - delinquentes wie nicht-delinquentes - wird im Rahmen der Sozialisation gelernt. Auf der Ebene der Instanzen, die hierbei eine einflussreiche Rolle haben, sind vor allem die Eltern und Erzieher zu nennen. Sie prägen bereits früh die kognitiven Leistungen, insbesondere Sprache und Leistungsmotivation und vermitteln Normen und Werte in sozialen Interaktionen. In den letzten Jahren wurde deutlich, dass Einfluss und Vorbildfunktion der Eltern wie auch der Erzieherinnen und Erzieher zurückgehen und es ihnen schwerer fällt, Kindern klare, d.h. für sie durchschaubare, Regeln zu vermitteln. Sozialisationsfunktionen übernehmen verstärkt die Medien. Der Medienkonsum birgt nicht nur das Risiko der Gewöhnung an Gewalt, sondern fördert auch die Selbstdefinition über Statussymbole und Konsumartikel anstelle von sozialer Verantwortung, Hilfsbereitschaft und Empathie (vgl. Maschke 2003).
 
Aus sozialpsychologischen Erwägungen ließe sich vermuten, dass das Problem und damit auch die Problemlösung nicht ausschließlich bei Kindern zu suchen ist, sondern im Kern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen darstellt. Durch den Wertewandel und zunehmend diffuse und verwirrende Normen, die die moderne Gesellschaft kennzeichnen, durch multiple Wahlmöglichkeiten einerseits und manchmal unverständliche Einschränkungen andererseits, entsteht ein Gefühl der Beliebigkeit und Austauschbarkeit, so dass nicht nur junge Menschen in Gefahr geraten, Halt und Kontrolle zu verlieren. Besonders für Kinder und Jugendliche bedeutet das die Gefahr einer Überforderung aufgrund mangelnder Einschätzungs- und Handlungskompetenz, die in der Folge zu Orientierungslosigkeit und Verunsicherung führen kann.
 
Bei der Auseinandersetzung mit Kinderdelinquenz bleibt vielfach unbeachtet, was eine Straftat für das einzelne Kind subjektiv bedeutet, wie es die Handlung selbst bewertet und durch die Eltern bzw. die Umwelt bewertet sieht. Die Auseinandersetzung mit der Thematik sollte daher stärker auf die Fragen ausgerichtet sein, wer Kindern auf welche Weise Normen verdeutlichen und als allgemeinverbindlich nahe bringen kann und wie ihre normative Einsichtsfähigkeit, ihre Verantwortlichkeit und schließlich ihre Handlungsfähigkeit gezielt gefördert werden können.
 
Literatur
 
- Lösel, Friedrich; Bliesener, Thomas 2003: Aggression und Delinquenz unter Jugendlichen. Untersuchungen von kognitiven und sozialen Bedingungen. Luchterhand, München.
- Maschke, Werner 2003: "Kinder- und Jugenddelinquenz. Stimmt das Schreckgespenst von den ‚gewalttätigen Kids'?" in: Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Der Bürger im Staat. Sicherheit und Kriminalität. Heft 1/2003. S. 19-24.
- Steffen, Wiebke 2002: "Analyse der Kinderdelinquenz in Deutschland" in: DVJJ-Journal 2/2002. S. 155-161.
 

Klaus Bott
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