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Mafia
 
Der Begriff Mafia ist eng mit dem Phänomen der (Organisierten Kriminalität) verknüpft und wird oftmals synonym verwendet. Im engeren Sinne steht die Begrifflichkeit Mafia für eine kriminelle Organisation, die ihren Ursprung in Sizilien hat. Die Entstehung der Mafia ist untrennbar mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen auf Sizilien verbunden. Aufgrund instabiler Staatsverhältnisse und Fremdherrschaft hatten dort seit dem Mittelalter vornehmlich die Feudalherren die Macht über die Insel. Im 19. Jahrhundert übernahmen die Großgrundbesitzer die Kontrollen über Sizilien. Zur Wahrung der Interessen der faktischen Machthaber setzten diese bewaffnete Wächter ein, um beispielsweise aufbegehrende Bauern oder Banditen zu bekämpfen. Schon frühzeitig nutzten die so genannten Feldhüter ihre Macht, Bauern zu erpressen, um so finanzielle Einnahmen zu erzielen. Die maßgebliche Entfaltung der Mafia erfolgte durch die Einigung Italiens im Jahr 1860. In diesem Zusammenhang gelang es der italienischen Zentralregierung nicht, eine staatliche Kontrolle in Sizilien zu installieren. Viel mehr gewannen die Großpächter und insbesondere die privaten Schutztruppen an Einfluss. Dieser erstreckte sich auf alle gesellschaftlichen Machtfaktoren auf Sizilien (Kirche, Verwaltung, Presse). Im Rahmen dieser Entwicklung bildete sich aus den ehemaligen Feldhütern zunehmend die Organisation Mafia, wie sie sich auch zum jetzigen Zeitpunkt darstellt.
 
Eine eindeutige Herleitung des Begriffs Mafia ist in diesem Zusammenhang nicht möglich. So gibt es verschiedene Ansätze. Die historische Herleitung bezieht sich auf langjährige Fremdherrschaft durch die Dynastie der Bourbonen. Nationalorientierte Gruppierungen in Süditalien entwickelten in diesem Zusammenhang den Wahlspruch: "Morte alla Francia, Italia anela!" (MaFIa / "Frankreich den Tod, keucht Italien!"). Daneben gibt es eine Vielzahl von sprachlichen Begründungen. So bedeutet etwa das Wort Mafia im sizilianischen Dialekt Kühnheit oder Prahlerei und stammt dabei vermutlich von dem arabischen Wort mahyah ab, das die gleiche Bedeutung hat. Die kriminelle Anhaftung des Wortes könnte im Zuge eines Theaterstücks von 1863 erfolgt sein, in dem der Begriff mafiusi für eine Gruppe von Häftlingen verwandt wurde, deren Verhalten und Aufbau enge Parallelen zu den privaten Schutztruppen erkennen ließen. In dieser zeitlichen Abfolge wurde der Begriff auch zunehmend von öffentlichen Stellen verwendet, um die kriminelle Organisation auf Sizilien zu beschreiben. Von den Angehörigen dieser Gruppierung wurde der Begriff Mafia jedoch nicht genutzt. Diese bezeichneten sich als "Cosa Nostra", was übersetzt "Unsere Sache" bedeutet. Auch diese Bezeichnung wurde gesellschaftlich aufgegriffen, so dass bis zum jetzigen Zeitpunkt beide Begriffe zur Beschreibung der sizilianischen Organisierten Kriminalität möglich sind.
 
Die Mafia stellt sowohl aus historischer, als auch aus aktueller Sicht eine der einflussreichsten Gruppierungen der Internationalen Organisierten Kriminalität dar. Die Organisation ist in allen relevanten Kriminalitätsbereichen der Organisierten Kriminalität tätig. Insbesondere die (Drogenkriminalität), die Schutzgelderpressung und die (Wirtschaftskriminalität) führen jährlich zu illegalen Gewinnen in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar.
 
Die Mafia ist in Form von Familien strukturiert, die nach dem Territorialprinzip fest eingeteilte Gebiete kontrollieren. Der Aufbau der Familien ist streng hierarchisch. An der Spitze steht der Capo (Oberhaupt, Chef), der von einem Vice-Capo (Vizechef) und verschiedenen Consigliere (Berater) unterstützt wird. Auf der untersten Hierarchiestufe stehen die Soldato/Soldati (Soldaten), die von einem Capodecina (Zehnerchef) geführt werden. Die Mafia zeichnet sich durch strenge Aufnahmerituale zum Uomo dónore (Mann der Ehre), die Schweigepflicht (Ómerta) und das konsequente Vorgehen gegen Verräter in den eigenen Reihen und gegen staatliche Gegner aus. So töteten Mitglieder der Mafia 1992 den berühmten Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone, obwohl dies zu einem erheblichen Aufschrei innerhalb der italienischen Bevölkerung und zu einer zwischenzeitlichen harten Bekämpfung der Mafia führte.
 
Aufgrund des Kodexes wurde die Mafia auch zum Sinnbild der Organisierten Kriminalität, das vor allem von den Medien aufgegriffen und geprägt wurde. Doch auch die internationale Ausbreitung, die von der Mafia bereits Anfang des 20. Jahrhundert in die USA betrieben wurde, gilt als klassisches Merkmal der Organisierten Kriminalität. In diesem Gesamtkontext wurde der Begriff Mafia gesellschaftlich mit der Bezeichnung Organisierte Kriminalität gleichgesetzt. Dabei wurden zunehmend im Bereich der Medien Formulierungen, wie Russen-Mafia, Vietnamesen-Mafia und Drogenmafia, genutzt, um verschiedene Phänomene der Organisierten Kriminalität darzustellen. Insofern ist eine gesellschaftliche Gleichstellung der Begriffe bereits erfolgt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist eine Differenzierung jedoch geboten.
 
Literatur:
 
- DICKIE, J. 2006: Cosa Nostra - Die Geschichte der Mafia, Frankfurt/M.;
- THAMM, B. G. / FREIBERG, K. 1998: Mafia global, Hilden/Rhld.
 
Schlüsselwörter:
 
Schutzgelderpressung, Ómerta, Gewalt, Cosa Nostra
 

Oliver Bossert
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