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Medienforschung/Medienwissenschaft
 
Medienwissenschaft und Medienforschung sind wissenschaftliche Beschäftigung mit Medien und der öffentlichen Kommunikation. Forschungsobjekt sind zum einen die Medien wie Hörfunk, Fernsehen und Internet und zum anderen - ähnlich wie in der Kommunikationswissenschaft - die Entstehung, Verbreitung und Wirkung der öffentlichen Meinung. Eine explizite Medienwissenschaft entstand in Deutschland aus der Literaturwissenschaft heraus in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, im Paradigmenwechsel von der Literatur zu allen Medien - vor allem den elektronischen. Die Lasswell-Formel: "Who (Kommunikationsforschung) say what (Inhaltsanalyse) in which channel (Medienforschung) to whom (Rezipientenforschung) with what effect (Wirkungsforschung)" macht deutlich, in welch komplexen Feld Medienwissenschaft eingebettet ist und welche anderen Bereiche auf Medien und Medienwirkung einwirken. Neben inhaltlichen Analysen untersuchen Medienwissenschaftler auch quantitativ z.B. Einschaltquoten, Programmstrukturen durch auszählen.
 
Artikel 5 Grundgesetz sichert jedem das Recht auf freie Information aus allen Quellen zu, eine Zensur findet nicht statt. Medien gelten heute neben Legislative, Exekutive und Judikative als die vierte Macht im Staat. Medien wandelten sich vom Kontrolleur der Mächtigen selbst zu einem mächtigen Agenten, der kaum kontrolliert werden kann. Dem wachsenden Einfluss der Medien stehen wenige Einschränkungen gegenüber, so z. B. straf- und andere rechtliche Bestimmungen wie Beleidigung, Geschäftsschädigung durch Veröffentlichungen, usw. So sorgte 1985 der sog. Glykolwein-Skandal (Frostschutzmittel, um Weine zu süßen) dafür, dass die Weinpanscherei in den Medien sehr stark skandalisiert wurde. In der Folge kam der österreichische Weinexport fast zum Erliegen. Auch "sauberer" Wein musste vom Markt genommen werden, in verschiedenen Ländern wurden alle österreichischen Weine verboten oder beschlagnahmt. Zu den medienrechtlichen Bestimmungen gehören die namentliche Zeichnung der verantwortlichen Redakteure und Rügen durch den Presserat, die Möglichkeit zur Gegendarstellung.
 
Medien beeinflussen längst die private Wirklichkeitswahrnehmung. Öffentlichkeit ist heute vorwiegend Medienöffentlichkeit: die Bürger erhalten einen Großteil ihres Weltwissens nicht mehr durch direkten Kontakt `vor Ort´, sondern über die Medien. Gleichzeitig wissen die meisten Menschen nur wenig über Medien, ihre Arbeit und ihre Funktionsweise. Deshalb ist Wissen über Medien und über Medienforschung wichtig.
 
Information ist Ware - und im Informationszeitalter eine heiß begehrte. Die Interessen der Besitzer und Anzeigenkunden bestimmen oft, welche Nachrichten erscheinen. In der postmodernen Gesellschaft lösen sich mit dem Zerfall von sozialen und politischen Milieus alte Bindungen und Präferenzen von Konsumenten auf. Es gibt heute kaum noch "Meine Zeitung" oder den "Rotfunk". Die Rezipienten (Medienkonsumenten) sind nicht an Alltagsnachrichten interessiert. So gilt für die Ware Information: "Hund beißt Mann" ist keine Meldung wert. "Mann beißt Hund!" ist eine Schlagzeile.
 
Mediale Anbieter stehen in einem scharfen Wettbewerb miteinander. Es gibt Konzentrationsprozesse im Medienbereich und es besteht die Gefahr der medialen "Gleichschaltung". Meinungsmonopole können entstehen, sog. "Tycoons" (wie Springer, Murdoch, Berlusconi, usw.) können auf nationaler und internationaler Ebene kontrollieren, welche Nachricht wo positioniert und wie kommentiert wird. Institutionen zur Kontrolle sind Presserat und Bundeskartellamt). Informationen haben kurze Halbwertzeiten. Nichts ist so unaktuell wie die Zeitung von gestern. Mit dem Internet wird "Wissen" noch schneller, aber auch noch flüchtiger. Der Wettbewerb produziert Phänomene wie Live-Schaltungen: Jeder Sender will "noch näher dran" sein als der andere, noch mehr (blutige) Details anbieten. Nachrichten über Naturkatastrophen oder Unglücke haben im Zeitalter der Globalisierung unmittelbaren Einfluss auf das Verhalten der Menschen, ob es Börsenkurse sind, Buchungsrückgänge in Reisebüros nach Terroranschlägen, Kriminalitätsfurcht, usw. Die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert. Neue, vor allem private Anbieter haben das Angebot im Rundfunk- und Fernsehsektor vervielfacht. Konsumenten können bis zu 50 TV-Programme empfangen. Das hat die Frage nach der "Einschaltquote" zur wichtigen Messlatte gemacht, was auch für Werbekunden entscheidend ist. Mit der Privatisierung ging eine Beschleunigung parallel. Entsprechend dem US-amerikanischen Vorbild liefern Nachrichten "Facts" und Infos statt In-Formationen: Dieser Zwang zur Verkürzung (in einer Minute muss die "Message" über den Sender sein) ist die Ursache dafür, dass statt Information plakative Bilder wirken. Hier setzt das Phänomen der ‚gefühlten Sicherheit', der Kriminalitätsfurcht ein. Das Angebot vervielfacht das einzelne Verbrechen. Beim Durchschalten durch die Programme begegnen Konsumenten überall den Schreckensnachrichten und -bildern. Es entsteht der Eindruck, die Lage sei überall unsicher. Durch Bilder können Konsumenten traumatisiert werden: so haben sich die Bilder von den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wie Ikonen in viele Gehirne eingebrannt.
 
Eine weitere Umwälzung hat mit der Verbindung verschiedener Medientypen (zunächst audiovisuelle Medien, dann Multi-Media) und Personalcomputern (PCs) begonnen und setzt sich mit der Einbindung ins Internet fort. Jetzt ist die Technik auf dem Sprung in die "virtuelle Realität", in die Simulation von Wirklichkeit. Mittels eines sog. Daten-Helms werden Bild und Ton direkt auf den Kopf gespielt, Drehungen des Kopfes verändern den Bildausschnitt, Datenhandschuh geben taktile Signale und Befehle. Mit der neuen Technik sind Informationsquellen und -kanäle fast unzählbar geworden. Medien, die vormals nur in eine Richtung funktionierten, werden zunehmend interaktiv. Die Rezipienten sind über Hotlines oder PC direkt mit dem Sender verbunden. Dies wird zunehmend zu Meinungsumfragen genutzt. Die Medienanbieter haben so unmittelbare Rückmeldung über die Wirkungen ihrer Sendungen. Medien sind auch hier ein Markt. Verfehlen sie die Ansprüche des Publikums auf sachgerechte Sammlung, Auswahl und Präsentation entsprechender Stoffe, sind sie auf den Märkten des Publikums nicht überlebensfähig.
 
Für die Kriminologie ist wichtig, wie die Berichterstattung der Medien über Kriminalität wirkt: Zum einen geht es um die Wirkung auf (potenzielle) Täter. Nicht erst seit dem Geiseldrama von Gladbeck nutzen einige Täter die Medien bei ihren Taten, um sich a) über das Echo auf das Delikt und b) die Maßnahmen der Polizei zu informieren. Live dabei zu sein ist eine Verlockung für Reporter. Dadurch kann einerseits polizeiliche Arbeit durch zu frühe Informationen, Ermittlungen auf eigene Faust und Massenauflauf der Medien behindert werden. Andererseits können Medien die Polizei bei der Fahndung nach flüchtigen Tätern bzw. Verdächtigen unterstützen. Hier entstehen oft Spannungen zwischen Pressefreiheit und Gefahrenabwehr bzw. Strafverfolgung.
 
Ermittelte Tatverdächtige können durch Medien diskriminiert und vorverurteilt werden. Hierzu haben Printmedien eine eigene Erzähldynamik aus der Tat, der Jagd nach dem Täter, der Gerichtsverhandlung und dem Schutz der Allgemeinheit. Täter werden als fremd und bösartig dargestellt, ihr Tun bleibt unverstehbar. Medien erzeugen Druckwellen öffentlicher Gefühlsstürme über Richter nach zu milden Urteilen, zu optimistische Gutachter und zu täterfreundliche Gesetze. Lockerungsgutachten und -praxis im Maßregelvollzug sind Reizthemen.
 
Es wird kontrovers diskutiert, ob Medienberichte Nachahmungseffekte haben. Hierzu liegen drei wichtige Theorien vor. Die Katharsistheorie (Abreaktion durch Medienkonsum mindere Aggressionsbereitschaft - eindeutig widerlegt), die Stimulationstheorie (Gewaltdarstellung führe bei Vorliegen von situativen und persönlichkeitsspezifischer Faktoren zu Gewalt - bis heute nicht bewiesen) und die Habitualisierungstheorie (Gewaltdarstellung wirkt langfristig über Gewöhnung - auch hierfür keine empirischen Belege). Medien allein - soviel ist klar - machen noch keinen Nachahmungstäter. Hierzu sind viele Faktoren notwendig: Erziehung, biographisch destabilisierende und aktuell belastende Faktoren, eine günstige Gelegenheit, aber auch ein soziales und politisches Umfeld. Medien wirken mehrdimensional, soviel wissen Medienwissenschaftler. Statt vereinfachenden Ursache-Wirkungs-Theorien wird heute von Mediensozialisierung gesprochen, in dem omnipräsente und omnipotente Medien das gesamte Familienleben ebenso durchdringen wie Institutionen. Aber die Konsumenten haben Freiräume und Möglichkeiten, mit Medien umzugehen und die Arbeit mit ihnen zu gestalten. Über bestimmte Medienereignisse werden u. U. Trends eingeleitet (die Benutzung des Baseball-Schlägers als Waffe nach dem Film "Street Warriors") und die öffentliche Wahrnehmung beeinflusst. Neurowissenschaftler weisen darauf hin, dass geballter Konsum von Gewaltfilmen für einen Gewöhnungseffekt sorge: US-Jugendliche haben nach 12 Schuljahren 13.000 Stunden in der Schule, aber 25.000 Stunden vor dem Bildschirm verbracht und dabei 8.000 Morde und mehr als 100.000 Gewalttaten gesehen. Noch kritischer beurteilen Forscher Gewaltspiele, weil neben der Wahrnehmung (die durch Technik immer realistischer wird) ein aktives Handeln der Spieler tritt. Dies sorgt für eine durch ständige Wiederholung stärker werdende Reaktionsbereitschaft im Gehirn. So haben die Schulattentäter sowohl von Littleton/Columbine (USA) als auch von Erfurt solche "Ballerspiele" exzessiv gespielt.
 
Zum anderen geht es um die Wirkung auf Konsumenten. Subjektive Ängste vor Verbrechen sind heute ein Machtfaktor in der Politik. Politiker aktivieren in der Risikogesellschaft medienwirksam die Vorurteile, die sie später bedienen. Skandalisieren und Kampagnenjournalismus fördern Vorverurteilung und Druck auf Rechtssprechung.
 
Medien schüren die Kriminalitätsfurcht. Der Durchschnittskonsument ist heute fast 100 Stunden pro Monat vor dem Bildschirm, Jugendliche oft länger. Medien gewinnen mit Angst Käufer und halten Abonnenten. Das ist einer der Gründe, warum "Crime" in den Medien eine so wichtige Rolle spielt. So ist der Anteil der Gewaltdelikte in der PKS stabil bei etwa 3%; in der Berichterstattung wie in fiktionalen Beiträgen nehmen Gewaltdelikte aber mehr als 50% der Berichterstattung über Kriminalität ein (-> Kriminalitätsfurcht). Medien machen keine Vorurteile, aber organisieren sie mittels der Skandalisierung als Technik: "Schon wieder ein ..." - "Kann man sich auf der Strasse noch sicher sein?" - "Was tun eigentlich die Verantwortlichen?" sind typisch für diese Technik.
 
Literatur:
 
- Faulstich, Werner 1995: Grundwissen Medien, München: Fink
- Kliche, Thomas 1999: Kinderschänder, das Böse und die Sicherheit. Soziale Repräsentationen von Psychologie und Psychotherapie im Diskurs über Kindesmissbrauch in deutschen Printmedien, in: Rietz, Ira/Kliche, Thomas/Wahl, Svenja (Hg.): Das Image der Psychologie, Lengerich: Pabst-Verlag
- Klingst, Martin 2004: Wegsperren für immer? Die Medien und das Sexualstrafrecht, in: Osterheider, Michael (Hg.): Krank und/oder kriminell? 18. Eickelborner Fachtagung 2003, Dortmund: Psychogen-Verlag
- Pätzold, Ulrich 2005: Medienkompetenz - ein weiteres Präventionskonzept, in: Saimeh, Nahlah (Hg.) Was wirkt? 20. Eickelborner Fachtagung Forensik 2005, Bonn: Psychiatrie-Verlag
- Rückert, Sabine 2005: Kriminalität, Medien und Kriminalpolitik, in: Osterheider, Michael (Hg.): Aufbruch oder Stillstand? 19. Eickelborner Fachtagung 2005, Dortmund: Psychogen-Verlag
- Spitzer, Manfred 2001: Gewalt im Spiel: Von der virtuellen Realität zum Gott-Modus in: Nervenheilkunde 1/2001: 1-3
 

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