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Ökonomie
 
Kriminalität als soziales Handeln geschieht nicht in einem Vakuum, sondern wird durch die verschiedensten Faktoren beeinflußt. Friday benennt 2 Ebenen, deren Einflüssen das menschliche Handeln unterliegt: die Verhaltensebene und die Reaktionsebene. Diese wiederum werden durch die Gesellschaftsstruktur, die institutionellen Systeme (Familie, Schule, Arbeit, sozialer Nahraum etc.) sowie das Selbstbild des Individuums beeinflußt. Die soziostrukturellen Faktoren üben Einfluß auf die Institutionen aus und werden über diese dem Individuum vermittelt, wobei das Individuum die strukturellen Faktoren nur in sehr geringem Maß beeinflussen kann.
Ökonomische Faktoren wie z. B. Armut, Arbeitslosigkeit, politische Ökonomie und soziale Ungleichheit sind seit langem auch in die Diskussion über Verursachung von Kriminalität eingegangen.

Ein Zusammenhang zwischen ökonomischer Struktur einer Gesellschaft und Form und Umfang von Kriminalität läßt sich statistisch nachweisen. Wolfs Analyse zeigte, daß mit zunehmender sozialer und ökonomischer (Weiter-) Entwicklung von Gesellschaften der Umfang von Kriminalität auch real zunimmt. Bei einer statistischen Betrachtung zeigt sich, daß zwischen den "unterentwickelten Ländern" und den hochindustrialisierten Nationen eine erhebliche Diskrepanz in der Art der begangenen Delikte besteht. Während in den Industrie¬nationen die Eigentumskriminalität dominiert, finden sich in nichtindustralisierten Ländern überhöhte Raten an Gewaltkriminalität. Bei einer ökonomischen Weiterentwicklung dieser Länder steigt zwar das Gesamtvorkommen von Kriminalität, die Häufigkeitsziffern der Gewaltkriminalität bleiben jedoch konstant bzw. sinken.
Neben der allgemeinen ökonomischen Struktur, scheint auch die Form der politischen Ökonomie einen Einfluß auf das Auftreten von Kriminalität zu haben. Es läßt sich nachweisen, daß die sozialistischen und kommunistischen Länder, soweit Zahlenmaterial verfügbar ist, eine geringere Kriminalitätsrate für alle Deliktsbereiche als die kapitalistischen Länder der Welt aufweisen. Diese Tatsache ist unabhängig vom Grad der Industrialisierung. So wies z. B. Kuba 1976 im Bereich der Tötungsdelikte eine Häufigkeitsziffer von 7,2 auf. Diese Ziffer lag in Chile bei 55,1, in Venezuela bei 11,6 und in Mexiko bei 32,7.
Während Forschungen zum Bereich Ökonomie und Kriminalität sehr lange versucht haben, Einzelaspekte, wie z. B. Arbeitslosigkeit, Armut, als Ursachen für Kriminalität und Abweichung nachzuweisen, diese jedoch zu kontroversen Ergebnissen kamen, zeigen neuere Forschungen, die mit dem Konzept der relativen Deprivation arbeiten, bessere und zuverlässigere Ergebnisse in bezug auf den Zusammenhang. Relative Deprivation wird als Einheit von Faktoren der subjektiv empfundenen sozialen Benachteiligung verstanden. Blau und Blau (1982) wiesen in den USA einen signifikanten Zusammenhang zwischen relativer Deprivation und Gewaltkri¬minalität nach, gleichzeitig betonen sie, daß die relative Deprivation ebenso bedeutsam für die Eigentumskriminalität sei.

Für die Entstehung relativer Deprivation sind sowohl die Klassenstruktur als auch der segmentierte Arbeitsmarkt kapitalistischer Gesellschaften, die eine Über(schuß)be¬völkerung produzieren, determinierend. Diese systematisch erzeugte überflüssige Bevölkerung ist von chronischer Armut und strukturierter Arbeitslosigkeit bedroht. Abweichung wird hierbei als Produkt brutalisierter Lebensbedingungen und chronischer Verarmung gesehen. Abweichung wird jedoch nicht allein mit diesen Einzelaspekten erklärt, sondern auch mit der generellen, für die Betroffenen äußerlich wahrnehmbaren Einkommensungleichheit.
Die Brutalisierung menschlichen Zusammenlebens durch strukturell erzeugte Lebensbedingungen zerstört sowohl die sozialen Beziehungen der Menschen als auch die soziale Gemeinschaft, verstanden als intakter normvermittelnder sozialer Nahraum. Von Currie (1982) wurde eine Beziehung zwischen ökonomischen Bedingungen und Familiensituation sowie Entwicklungsstörungen nachgewiesen. Andere Forschungen haben einen signifikanten Zusammenhang zwischen ökonomischen Krisen (Arbeitslosigkeit) und Anstieg von Einweisungen in staatliche Institutionen (Psychiatrie und Gefängnis) nachgewiesen. Brenner zeigte auf, daß ein 1,4%iger Anstieg von Arbeitslosigkeit im Jahr 1970 in den USA "direkt" verantwortlich für 7.660 Ein¬weisungen in Staatsgefängnisse und 1.740 Morde war. In einer früheren Untersuchung stellte er fest, daß, über einen Zeitraum von 127 Jahren analysiert, der einzig signifikante Faktor für die Zu- bzw. Abnahme von Einweisun¬gen in das Psychiatrische Staatskrankenhaus von New York die Arbeitsmarktlage war.

Forschungen dieser Art relativieren die traditionell individualistisch orientierten Ursachentheorien der Kriminologie. Sie gehen über deren Fragestellung hinaus und erlauben eine weitergehende Erklärung der angeführten Ursachen. Gleichzeitig zeigen sie neue Wege der Kriminalprävention auf, die eine wirksame und dauerhafte Reduzierung von Kriminalität erreichen können.

Literatur:
- Kramer, R.: Strukturierte Ungleichheit, Verbrechensopfer und Praktiken der Sozialkontrolle. In: Janssen, H.; Kerner, H.-J. (Hrsg.): Verbrechensopfer, Sozialarbeit und Justiz. Bonn-Bad Godesberg 1985.
- Pilgram, A.: Ökonomische Kriminalitätstheorien. In: Kleines Kriminologisches Wörterbuch. 2. Auflage, Stuttgart 1985, 215-219.
- Steinert, H.: Widersprüche, Kapitalstra¬tegien und Widerstand oder: Warum ich den Begriff "soziale Probleme" nicht mehr hören kann. Kriminalsoziologische Bibliographie 1981, 56-88.

Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Kriminalistik-Verlages Heidelberg aus der gedruckten Version des Kriminologie-Lexikons, Stand der Bearbeitung: 1991

Helmut Janssen
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