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Persönlichkeit
 
In der Persönlichkeitspsychologie existieren unterschiedliche Auffassungen darüber, was unter Persönlichkeit zu verstehen ist. Nach einer Definition von Guilford steht der Begriff Persönlichkeit für eine einzigartige Struktur von relativ stabilen Persönlichkeitszügen einer Person (sogenannte "traits"), hinsichtlich derer sie sich von anderen unterscheidet.
Zu diesen "traits" zählen u.a. Temperamente, Bedürfnisse, Einstellungen und Interessen.
Andere Autoren sehen zwar ebenso die Persönlichkeit als die Gesamtheit von relativ konstanten inter-und intraindividuellen Unterschieden im Verhalten, beziehen sich jedoch darüber hinaus auf deren Ursachen und Wirkungen. Es geht also darum, durch welche Umweltbedingungen eine Persönlichkeit (mit)geformt wird und welche Wirkungen sie auf die Umwelt hat. (z.B.Pawlik.)
Deutlich wird bei dieser Definition, dass hierbei über das unmittelbar Beobachtbare und damit Beschreibbare hinausgegangen wird. Vereinzelt wird eigens darauf verwiesen, dass pathologische Besonderheiten einer Person, also psychische Störungen, die in den Kompetenzbereich der Psychiatrie bzw. Neurologie fallen, nicht Gegenstand der Persönlichkeitspsychologie sind.
 
Die Geschichte des Begriffs Persönlichkeit ist von jeher von gegensätzlichen, teilweise sogar kontroversen Auffassungen geprägt. So wurde etwa auch ab Ende der 60er Jahre und den darauf folgenden Jahren heftig darüber diskutiert, ob nicht hauptsächlich situative Einflüsse statt Persönlichkeitszüge für beobachtbare Verhaltenunterschiede verantwortlich sind. Damit wurde damals primär die Situation als entscheidend dafür angesehen, wie man sich verhält.
Vielfalt besteht auch - je nach theoretischer Ausrichtung - bei den Persönlichkeitstheorien.
Das klassische "behavioristische" Persönlichkeitskonzept als ein Beispiel bezieht sich - wie dem Begriff schon zu entnehmen ist - im Wesentlichen auf äußerlich sichtbares Verhalten, ohne subjektive, also innere psychische Vorgänge zu berücksichtigen. Nach diesem Verständnis ist ein Neugeborenes als ein "unbeschriebenes Blatt" zu charakterisieren, sieht man von ungerichteter Spontanaktivität sowie einigen Reflexen ab.
Von Beginn seiner Entwicklung an wirken Reize aus der Umwelt auf es ein.
Im Laufe der Zeit soll es dann eine Verbindung zwischen seinem Verhalten und Reizen aus der Umwelt herstellen. Das Neugeborene lernt, dass spezifisches Verhalten spezifische Reaktionen zeitigt.
Individuelle Besonderheiten im Verhalten und somit der Persönlichkeit resultieren dementsprechend ausschließlich aus der individuellen Lerngeschichte.
 
Im Gegensatz zur behavioristischen Theorie bilden für die psychoanalytische Persönlichkeitstheorie innere psychische Prozesse den zentralen Ansatzpunkt. Demnach ist man von Geburt an von Trieben geleitet. In der ungefähr dem ersten Lebensjahr zuzuordnenden Entwicklungsphase (die so genannte orale Phase) soll Triebbefriedigung durch Saugen, Beißen und Kauen erfolgen. Allerdings können nach diesem Ansatz Triebe meist nicht direkt befriedigend werden, mit der Folge, dass diese dann durch spezifische Prozesse umgeformt und teilweise auf andere Triebobjekte umgelenkt werden.
Wie sich die Triebregulation in verschiedenen Entwicklungsphasen der frühen Kindheit vollzieht, soll den späteren Charakter, also die Persönlichkeit formen.
Trotz aller Unterschiedlichkeit in der Konzeption von Persönlichkeit bzw. Persönlichkeitstheorien wird heutzutage von den meisten Forschern der Beschreibung von Persönlichkeit einen großen Stellenwert beigemessen.
Ziel ist es somit stets, die grundlegenden Eigenschaften bzw. Persönlichkeitszüge ("traits") zu bestimmen, aufgrund derer Personen sich voneinander unterscheiden lassen, um letztlich auch Verhalten vorhersagen zu können.
Damit stellt sich die Frage nach den Methoden, die dafür geeignet sind.
Es existiert eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Erfassung der Persönlichkeit, angefangen bei biografischen Daten (objektive Daten zur Lebensgeschichten), über Verhaltensbeobachtungen, Interviews bis hin zu verschiedenartigen Testverfahren.
In diesem Zusammenhang kommt noch den Persönlichkeitsfragebögen eine besondere Bedeutung zu. Bei deren Analyse mithilfe spezifischer statistischer Verfahren sind durch Abstraktionsprozesse Dimensionen der Persönlichkeit herausgearbeitet worden, die als grundlegend angesehen werden.
Seit langem erfährt in diesem Zusammenhang das sogenannte "Big Five" - Persönlichkeitsmodell Beachtung, wonach sich fünf Faktoren als die zentralen Dimensionen zur Persönlichkeitsbeschreibung herauskristallisieren. Bei diesen fünf Faktoren bzw. Dimensionen handelt es sich um Extraversion (charakterisiert vor allem durch Lebhaftigkeit, Kontaktfreude und Geselligkeit), Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit.
Inwieweit der Anspruch dieses Modells, tatsächlich ein universales Modell der Persönlichkeit zu repräsentieren, gerechtfertigt ist, kann nach dem heutigen Stand der Forschung noch nicht abschließend beurteilt werden.
 
Bei einem kursorischem Blick auf einige Ergebnisse der persönlichkeitspsychologischen Delinquenzforschung zeichnen sich vor allem hinsichtlich der sogenannten "Karrieretäter", deren Auffälligkeiten bis zur frühen Kindheit zurückreichen und die nicht auf die Jugendphase beschränkt geblieben sind, folgende Tendenzen ab: Impulsives Temperament, neurologische Auffälligkeiten, weiterhin verzögerte motorische Entwicklung, geringe intellektuelle Fähigkeiten, Leseschwierigkeiten sowie Gedächtnis- und Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen (Moffitt u.a.). Andere sprechen von einer geringen Selbstkontrolle, gekennzeichnet durch Impulsivität, geringe Sensibilität für andere, hohe Risikobereitschaft, mangelndes Antizipationsvermögen, mäßige sprachliche Ausdrucksfähigkeit sowie starke Körperbetonung (Gottfredson/Hirschi).
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch noch Ergebnisse aus der Resilienzforschung. Der Begriff Resilienz meint übrigens die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber Entwicklungsrisiken. Als sogenannte Vulnerabilitätsfaktoren, also Faktoren, die die Verletzbarkeit bzw. Verwundbarkeit einer Person für negative Umwelteinflüsse kennzeichnen, gelten: u.a. neuropsychologische Defizite, psychophysiologische Faktoren (z.B. ein sehr niedriges Aktivitätsniveau), schwierige Temperamentsmerkmale, frühes impulsives Verhalten, hohe Ablenkbarkeit, sowie geringe kognitive Fertigkeiten. Zu diesen zählen ein niedriger Intelligenzquotient sowie Defizite in der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung.
Wie unschwer aus den verschiedenen Studien abzuleiten ist, unterscheiden sich die Befunde im Grunde genommen nicht in substanzieller Art und Weise voneinander. Es gibt einen Kernbereich von Gemeinsamkeiten.
Es entbehrt nicht einer gewissen Plausibilität, dass diese persönlichkeitsspezifischen Aspekte vor allem dann noch, wenn ungünstige Sozialisationsbedingungen hinzukommen, den Nährboden für die Entstehung antisozialen Verhaltens und somit letztlich für kriminelles Verhalten bilden können.
In diesem Zusammenhang kommt den so genannten Schutzfaktoren, also solchen spezifischen Bedingungen, die einer ungünstigen Entwicklung entgegen wirken, eine große Bedeutung zu. Betrachtet man hierbei nur die Umweltbedingungen, so sollen sich u.a. emotionale Zuwendung, Kontrolle und Konsistenz in der Erziehung (durch Eltern/Bezugspersonen) und in anderen Kontexten günstig auswirken. In dieser Hinsicht sind des Weiteren Erwachsene, die Vorbild für adäquates Bewältigungsverhalten bei widrigen Umständen sind, sowie eine weitgehend intakte Nachbarschaft, von Belang.
 
Literatur:
 
- Asendorpf, J. 2004: Psychologie der Persönlichkeit, Berlin, Heidelberg. Amelang, M., Bartussek, D. 2001: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung, Stuttgart u.a..
- Backhaus, K. 2004: Persönlichkeit als Forschungsgegenstand der Psychologie. Eine Einführung in das Big Five - Persönlichkeitsmodell, in: Psyreon (Psychological Research Online) 1:1-12.
- Lamnek, S. 1997: Neue Theorien abweichenden Verhaltens, München
- Lösel, F./Bender, D. 2005: Jugenddelinquenz, in: Schlottke, P.F. u.a. (Hg.): Störungen im Kindes- und Jugendalter - Verhaltensauffälligkeiten, Göttingen, 605-653
- Pawlik, K. 1996: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung: Grundbegriffe, Fragestellungen, Systematik, in: Pawlik,K. (Hg.) : Grundlagen und Methoden der Differentiellen Psychologie, Göttingen u.a., 3-30.
- Piquero, A.R./ Moffitt,T.E.2005: Explaining the Facts of Crime: How the Developmental Taxonomy Replies to Farrington`s Invitation, in: Farrington,D.P.(Hg): Integrated Developmental &life course theories offending, New Brunswick u.a.,51-72
- Wustmann, C. 2004 : Resilienz . Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern, Weinheim, Basel.
 

Sybille Fritz-Janssen
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