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Sozialer Wandel
 
Der Begriff "Sozialer Wandel" ist nicht einheitlich definiert. Talcott Parsons versteht darunter Veränderungen in der Struktur eines Systems, insbesondere den Wandel seiner normativen Kultur. Peter Heinz verwendet die gleiche Definition, schränkt aber den Systembegriff ein und bezieht ihn ausschließlich auf Gesellschaften. Er versteht unter sozialem Wandel die Gesamtheit der in einem Zeitabschnitt erfolgenden Veränderungen in der Struktur einer Gesellschaft. Nach Karl-Heinz Hillmann ist der soziale Wandel eine Veränderung der quantitativen und qualitativen Verhältnisse und Beziehungen zwischen den materiellen und normativ-geistigen Zuständen, Elementen und Kräften in einer Sozialstruktur. Auch im Lexikon zur Soziologie wird der Begriff auf Veränderungen in einer Sozialstruktur bezogen, allerdings werden keine Einschränkungen über die Art der Veränderung gemacht. Wieland Jäger definiert den Begriff durch eine Auflistung relevanter Themenfelder. So sind für ihn der kulturelle, ökonomische, politische und technologische Wandel Teilaspekte des sozialen Wandels. Während die genannten Autoren den Begriff makrosoziologisch verstehen, berücksichtigt Ansgar Weymann auch die Mikroebene. Er versteht sozialen Wandel als Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems; dazu zählt die Makroebene, nämlich Sozialstruktur und Kultur, die Mesoebene, insbesondere Institutionen, Organisationen und Gemeinschaften, sowie die Mikroebene, also Personen und ihre Lebensläufe.
 
Trotz unterschiedlicher Definitionen liegen etliche Gemeinsamkeiten vor, die ein brauchbares Verständnis des Begriffs liefern. So werden unter sozialem Wandel in erster Linie makro- und mesosoziologische Veränderungen subsumiert; der Untersuchungsgegenstand besteht aus Gesellschaften sowie Kulturen und ihren Teilbereichen, wobei der thematische Schwerpunkt bei Strukturen und Normen liegt. Dieser Untersuchungsgegenstand kann durch die Einbeziehung individueller Veränderungen ergänzt werden. Beispiele für die Untersuchung von sozialem Wandel sind Studien über den Wandel von gesellschaftlichen Werten, Sozialkapital, Regierungsformen, Bildung, Recht und Kriminalitätsraten.
 
Bei einem Vergleich von Beschreibungen des sozialen Wandels muss berücksichtigt werden, dass die vorliegenden Ansätze unterschiedliche Zeitperspektiven betrachten. Während sich die marxistische Theorie mit der Entwicklung von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Weiterentwicklung zur kommunistischen Gesellschaft befasst, betrachten Max Weber und Wolfgang Schluchter in erster Linie die Entstehung des okzidentalen Rationalismus, also den Übergang von der Ständegesellschaft zur kapitalistischen Gesellschaft. In Modernisierungstheorien, so Ulrich Beck und Wolfgang Zapf, ist der Blick auf die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und auf Industrienationen konzentriert.
 
Die deskriptiven Studien zum sozialen Wandel in der jüngeren Vergangenheit stammen insbesondere von Ulrich Beck, Gerhard Schulze, Ronald Inglehart und Helmut Klages. Demnach hat in der Nachkriegszeit in nahezu allen modernen westlichen Gesellschaften die arbeitsfreie Zeit zugenommen, die Lebenserwartung hat sich erhöht, die Arbeitszeit pro Tag wurde geringer, gleichzeitig wurde die Urlaubsdauer länger, der Berufseintritt erfolgte immer später, die Berufstätigkeit hingegen wurde immer früher beendet. Die Freizeit erhielt folglich einen erheblich größeren Stellenwert. Zeitgleich gab es eine Bildungsexpansion. Ein immer größerer Anteil besuchte weiterführende Schulen und die berufliche Qualifikation wurde verbessert. Außerdem hat durch die Motorisierung die Mobilität zugenommen und der materielle Lebensstandard ist gestiegen. Gesellschaftliche Werte und Traditionen wurden in Frage gestellt und die Tätigkeiten von Institutionen hinterfragt. Die Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens werden inzwischen von großen Teilen der Bevölkerung nicht mehr in Religionen, Weltanschauungen und Ideologien gesucht. Lust und Erlebnis sind für viele zum Lebensinhalt geworden. Der Beruf ist nicht mehr identitätsstiftender Mittelpunkt des Alltags, sondern nur noch beliebig wechselbarer Job. Rationalisierung, Säkularisierung, Pluralisierung, Demokratisierung, Mobilitätssteigerung und Massenwohlstand sind die Schlagworte, mit denen wichtige Aspekte des gesellschaftlichen Wandels beschrieben werden können. Für den einzelnen Bürger bedeutete dies einerseits eine Erhöhung der Lebenschancen, eine verstärkte Individualisierung und eine Erhöhung der individuellen Autonomie. Andererseits ist als Preis für die funktionale Differenzierung der Gesellschaft ein Ordnungsschwund zu verzeichnen, der mit einem Verlust von Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und Normen verbunden ist. Das heißt, das Handeln von Personengruppen, die durch traditionelle Sozialformen und -bindungen charakterisiert werden können, kann heute wesentlich schlechter prognostiziert werden, als dies vor diesem Modernisierungsprozess der Fall war. Die klassischen gesellschaftlichen Gruppen wie beispielsweise Mittelschicht, Jugendliche, Frauen oder Arbeiter sind nicht mehr homogen, sondern durch eine komplexe Verflechtung der Individuen in verschiedene Teilbereiche der Gesellschaft gekennzeichnet. Die "Berechenbarkeit" der gesellschaftlichen Entwicklung und die Prognostizierbarkeit von Handlungen gesellschaftlicher Gruppen haben abgenommen.
 
Der beschriebene Modernisierungsprozess war mit einer Veränderung von Werten verknüpft. Ronald Inglehart kommt auf Grund zahlreicher empirischer Studien in vielen Ländern zu dem Ergebnis, dass ein deutlicher Trend von materialistischen zu postmaterialistischen, von traditionellen zu säkular-rationalen und von Selbsterhaltungswerten zu Selbstentfaltungswerten geht. Helmut Klages beschreibt den Wertewandel als eine Transformation von Pflicht- und Akzeptanzwerten in Selbstentfaltungswerte, wobei seit den 1980er Jahren eine Differenzierung der Selbstentfaltungswerte in eine hedonistisch-materialistische und eine idealistische Orientierung zu beobachten ist. Somit hat sich nicht nur die Positionierung der Gesellschaft im Werteraum verändert, sondern auch deren Struktur und Dimensionalität. Elisabeth Noelle-Neumann beklagt den Zerfall der Leistungsethik und das Erstarken hedonistischer Orientierungen, Gerhard Schulze sieht eine Veränderung von der Arbeits- zur Erlebnisgesellschaft und Heiner Meulemann einen Wandel in West- und Ostdeutschland hinsichtlich der Werte Selbstbestimmung, Mitbestimmung, Gleichheit, Leistung und Akzeptanz von Institutionen, Moral und der christlichen Religion. Nach Erich Fromm hat eine bedeutsame Veränderung auf der ethischen Ebene stattgefunden, ein Wandel von der Ethik des Habens zur Ethik des Seins. Parallel dazu wurden nach Robert Putnam zumindest in den Vereinigten Staaten das Sozialkapital und damit die gesellschaftliche Kohäsion abgebaut.
 
Eine Theorie des sozialen Wandels fragt nach den Ursachen, dem vergangenen Verlauf und nach der zukünftigen Entwicklung der Sozialstruktur von Gesellschaften oder einzelnen sozialen Systemen. Bis heute sind unterschiedliche Theorietraditionen sozialen Wandels einflussreich geblieben - eine einheitliche Theorie gibt es nicht. Idealtypisch gesehen kann man zwischen Zyklentheorien und Evolutionstheorien unterscheiden. Zu den Zyklentheorien zählen die Ansätze von Vilfredo Pareto und Ronald Inglehart, während Karl Marx und Herbert Spencer evolutionstheoretische Aspekte in ihre Theorien des sozialen Wandels integrierten. Talcott Parsons ist ein Vertreter eines neoevolutionären Ansatzes.
 
Für Pareto war die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts von Klassenkämpfen geprägt, die allerdings - im Unterschied zu der Position von Karl Marx - vor allem zwischen den Eliten im Streit um die Macht ausgetragen wurden. Jedes Volk wird von einer Elite regiert, die politische Macht besitzt. Die Eliten sind jedoch nicht von Dauer; sie verschwinden nach einer gewissen Zeit, und die herrschende Klasse wird immer wieder von Personen aus unteren Klassen abgelöst. Diese Zirkulation der Eliten gibt es sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Durch befindet sich die Gesellschaft in einem Zustand andauernder Veränderung.
 
Der Ansatz von Ronald Inglehart ist wesentlich komplexer. Das zentrale Ergebnis Ingleharts, dass in westlichen Demokratien ein Wertewandel im Gang sei, in dessen Verlauf eine materialistische Wertorientierung durch eine postmaterialistische ersetzt worden sei, wird von ihm durch eine Sozialisations- und Mangelhypothese theoretisch begründet. Inglehart geht in Anlehnung an Abraham Maslow von einer Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse aus. Essen, Schlaf und Fortpflanzung beispielsweise gehören zu den körperlichen Grundbedürfnissen. Erst wenn diese erreicht sind, kann die Realisierung höherer Bedürfnisse in Anspruch genommen werden, so Sicherheit, der Ausbau sozialer Beziehungen, soziale Anerkennung und schließlich Selbstverwirklichung. Diese Bedürfnishierarchie, so Inglehart, könne auf Werte übertragen werden. Das heißt, dass die individuellen Realisierungsbemühungen, die in Werten enthaltenen Ziele zu erreichen, von der Erfüllung hierarchisch untergeordneter Ziele abhängig sind. Erst wenn die materialistischen Ziele erreicht sind, wird mit der Realisierung postmaterialistischer Ziele begonnen. Somit sind die Realisierungschancen postmaterialistischer Bedürfnisse und die Ausbildung postmaterialistischer Werte von der ökonomischen Lage abhängig; ein entsprechender Mangel verhindert die Ausbildung postmaterialistischer Werte, wirtschaftliche Prosperität hingegen fördert diese. Die ökonomische Situation entscheidet somit über die Ausbildung von Wertorientierungen.
 
Die Entstehung postmaterialistischer Werte ist auf die Zeit um das 15. Lebensjahr konzentriert, denn nur in dieser Lebensphase werden nach Ingleharts Theorie Werte ausgebildet, die dann aber das ganze Leben beibehalten werden. Die sozialstrukturellen Bedingungen, die Prosperität des Landes und der soziale Status der Familie eines Jugendlichen sind somit entscheidend für die Ausbildung seiner Werte. Ein Wertewandel auf der gesellschaftlichen Ebene entsteht demnach durch ökonomische Veränderungen. Prosperitive Phasen in stabilen Gesellschaften führen (zeitlich verzögert) zu postmaterialistischen Werten und wirtschaftliche Krisen zu materialistischen Orientierungen in einer Gesellschaft.
 
Ein Wertewandel auf gesellschaftlicher Ebene entsteht daher durch ökonomisch-strukturelle Veränderungen, wobei Rückkopplungseffekte möglich sind: Werte haben einen Einfluss auf die Wirtschaftentwicklung. Je ausgeprägter die Leistungsorientierung in einer Gesellschaft ist, desto größer ist das Wirtschaftswachstum. Folglich führt wirtschaftlicher Wohlstand zu einem Anstieg postmaterialistischer Orientierungen, und wenn dies mit einem Rückgang der Leistungsorientierung gekoppelt ist, wird sich die ökonomische Situation verschlechtern und später zu einem Zuwachs materialistischer Orientierungen führen.
 
Marxistische Theorien sozialen Wandels gehen von einem dominanten Einfluss ökonomischer Verhältnisse auf die soziale und kulturelle Situation einer Gesellschaft aus, wobei Rückkopplungseffekte nicht theoriekonsistent sind. Die gesellschaftlichen ökonomischen Widersprüche, beispielsweise zwischen Bauern und Adel oder Proletariern und Bourgeoisie, führen zu Klassenkämpfen und zu einer Änderung der Machtverhältnisse. Nach Marx ist die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen. Im Kapitalismus werde sich, so Marx, durch die Verelendung des Proletariats der Konflikt verschärfen, so dass es zu Klassenkämpfen und zu einer Überwindung des Kapitalismus kommen muss. Die Endstufe der Höherentwicklung der Gesellschaften ist schließlich im Kommunismus erreicht.
 
Diesen Gedanken der evolutionären linearen Höherentwicklung von Gesellschaften hat Herbert Spencer weiterentwickelt. Er betrachtet die Gesellschaft als einen Organismus, der sich nach den Gesetzen der biologischen Evolution - insbesondere durch das Prinzip der Selbstorganisation - vom Einfachen zum Komplexen und vom Chaos zur Ordnung verändert. Evolution wird als Entwicklungsprinzip gesehen, das nicht nur die Veränderung biologischer Organismen erfasst, sondern auch die Erziehung, die Lebensweisen, die sozialen Konventionen, die Psychologie, die Politik, die Kultur und die Ethik würden diesem Prinzip folgen, ohne dass Einwirkungen von außen notwendig seien. So könne die Entwicklung von der primitiven zur industriellen Gesellschaft erklärt werden. Letztlich funktioniere das gesamte Universum wie ein gigantischer Organismus, und die immer höhere Spezialisierung und Differenzierung führe zu einem immer perfekteren Ergebnis.
 
Alle klassischen soziologischen Evolutionstheorien besagen, dass die Gesellschaften in einem einfachen Zustand beginnen und mit der Zeit immer zivilisierter werden. In neoevolutionstheoretischen Arbeiten hingegen wird diese Linearität der Entwicklung nicht mehr angenommen. Talcott Parsons, ein typischer Vertreter dieser Richtung, betrachtet Gesellschaften als ein System, das eingebettet ist in über- und untergeordnete Systeme und zudem von anderen Systemen umgeben ist. Veränderungen in einem System können durch Veränderungen in anderen Systemen hervorgerufen werden, weil letztlich alle Systeme miteinander verknüpft sind. So werden dauernd Anpassungs-, Integrations- und Differenzierungsprozesse notwendig, die zu einem permanenten Wandel führen, wobei bestimmte Erfindungen und Entdeckungen zu einer Höherentwicklung führen. Diese werden von Parsons als "evolutionäre Universalien" bezeichnet. Dazu zählen die Entwicklung von Sprache, Religion, Arbeitsteilung, Bürokratie, Geld, Recht und Demokratie. Diese Universalien können von Gesellschaften gezielt eingeführt werden, denn Gesellschaften sind lernfähig. Dies unterscheidet Parsons von klassischen Evolutionstheoretikern, die Gesellschaften als Objekte sehen, die nur durch Zufallsprozesse, also nach den Gesetzen von Versuch und Irrtum, zu einer Höherentwicklung gelangen.
 
Kriminologisch von Interesse sind vor allem Untersuchungen über die Veränderung von Kriminalität. Diese Thematik wurde insbesondere von Manuel Eisner und Helmut Thome behandelt. Demnach haben sich die Kriminalitätsraten, insbesondere die Homizidraten, seit dem 13. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre reduziert. Danach ist die Rate wieder gestiegen. Sie begründen die Abnahme der Kriminalitätsbelastung nach dem Ansatz von Norbert Elias durch den fortschreitenden Zivilisationsprozess und nach den Arbeiten von Emile Durkheim durch einen Abbau von Anomie - dabei spielte der Ausbau staatlicher sozialer Kontrolle durch das Rechtssystem eine wichtige Rolle. Die Zunahme der Kriminalitätsbelastung würde für eine Erosion des Gewaltmonopols und für eine Zunahme von Anomie durch einen desintegrativen Individualismus sprechen.
 
Literatur:
 
- Thome, Helmut, 2007: Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität. Deutschland, England und Schweden im Vergleich, 1950 bis 2000. Wiesbaden: VS-Verlag.
- Inglehart, Ronald, 1998: Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften. Frankfurt/M., New York: Campus.
- Scheuch, Erwin K., 2003: Sozialer Wandel, Bd. 1 und 2. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
 

Dieter Herrmann
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