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Strafrechtswissenschaft
 
Die Strafrechtswissenschaft ist dasjenige Teilgebiet der Rechtswissenschaft, das sich mit dem umfassend verstandenen Großgebiet des "Strafrechts" befaßt, das im klassischen Verständnis den beiden anderen Großgebieten von "Zivilrecht" und "Öffentlichem Recht" gegenübergestellt wird. Unter einem anderen Blickwinkel stellt man lediglich die beiden Großgruppen des Privatrechts oder auch Bürgerlichen Rechts und des Öffentlichen Rechts gegenüber, wobei dann das Strafrecht dem Öffentlichen Recht zugeschlagen wird.

Insgesamt gehört die Rechtswissenschaft neben der Theologie und der Medizin zu den drei altehrwürdigen Wissenschaften, die im Zentrum der Ausbildung des modernen Universitätsgedankens und der Universitäten selber stehen, während alle die anderen Wissenschaften, die heute mindestens gleichgewichtige, wenn nicht viel größere Bedeutung erlangt haben, sich nach und nach aus der sich selber von der Theologie emanzipierenden Philosophie ausgegliedert haben oder aus den so genannten freien Künsten (artes liberales) erwachsen sind (*Dogmatik), die man ursprünglich an den frühen Universitäten als propädeutische Vorstufe für das eigentliche Studium als Jurist, Theologie oder Mediziner studieren konnte bzw. mußte. Unter sozialwissenschaftlichem Blickwinkel werden die drei klassischen Disziplinen nicht von ungefähr auch als Herrschaftswissenschaften bezeichnet, weil sie sozusagen immer schon mit Blick auf eine bestimmte Verwendung durch die Herrschaften, Mächte und später den Staat neben ihrem freien wissenschaftlichen Gehalt konzipiert waren.
Unter heutigen Bedingungen umfaßt die gesamte Rechtswissenschaft ein hoch ausdifferenziertes und zugleich komplexes Gefüge von Unterdisziplinen, die teilweise vollständig oder jedenfalls überwiegend durch die spezifischen, in der Tradition der Geisteswissenschaft stehenden Methoden der sogenannten Rechtsdogmatik gekennzeichnet sind, teilweise aber auch auf andere Methoden zurückgreifen, wie sie in den "Tatsachenwissenschaften" oder auch empirischen Wissenschaften üblich sind, angefangen von der teils archivarischen, teils exegetischen Arbeit mit historischen Dokumenten (Rechtsquellen) über sozialwissenschaftliche Befragungsmethoden (Umfragen im Wettbewerbsrecht, z. B. zur Verwechslungsgefahr von Produkten) bis hin zur Aktenanalyse oder teilnehmenden Beobachtung im Gerichtssaal im Rahmen der sogenannten *Rechtstatsachenforschung, welche wiederum mit der Rechtssoziologie eng zusammenhängt.
Strafrechtliche Fragen und strafrechtliche Aspekte gibt es in fast allen Teildisziplinen der Rechtswissenschaft. Von den Grundlagen her sei auf die Rechtsphilosophie, Rechtsethik und Rechtstheorie hingewiesen. Andere Grundlagenfragen behandelt die Rechtsgeschichte, wieder andere die Rechtsanthropologie oder Rechtsethnologie und schließlich die Rechtsvergleichung, welche auch zur dogmatischen Analyse im engeren Sinne nutzbar gemacht werden kann.

Die Strafrechtswissenschaft selber gliedert sich wiederum in verschiedene Teilbereiche aus. Im materiellen Strafrecht geht es um die Entwicklung der allgemeinen Strafrechtslehren, die in Deutschland mit dem sogenannten "Allgemeinen Teil" des Strafrechts (und inbesondere des Strafgesetzbuchs) repräsentiert sind. Dazu gehören die Handlungslehren, die Lehren von der strafbaren Handlung und dem Deliktsaufbau (*Straftat), die Lehren von der Unterscheidung nach Vollendung und Versuch, die Teilnahmelehre und die Ausdifferenzierung von Strafen und Maßregeln. Der zweite wichtige Teil des materiellen Strafrechts besteht in der Ausdifferenzierung der einzelnen strafbaren Handlungen, im sogenannten Hauptstrafrecht repräsentiert durch den Besonderen Teil des StGB, im sogenannten *Nebenstrafrecht repräsentiert durch die überaus zahlreichen Straftatbestände in einzelnen Gesetzen außerhalb des Strafgesetzbuchs, von denen beispielhaft das Betäubungsmittelgesetz, das Straßenverkehrsgesetz und die Abgabenordnung genannt seien. Als weiteres Gebiet kommt das zunehmend selbständiger werdende Ordnungswidrigkeitenrecht mit seinen materiellen und auch prozessualen Aspekten hinzu (*Ordnungswidrigkeit). Das formelle Strafrecht teilt sich auf in das Gerichtsverfassungsrecht und das Strafprozeßrecht (*Strafverfahren). Die Spezialmaterie des *Jugendstrafrechts enthält ein Gefüge aus gerichtsverfassungsrechtlichen, strafprozeßrechtlichen und materiellrechtlichen Vorschriften. Daneben hat sich allmählich das *Strafzumessungsrecht zu einer selbständiger werdenden Spezialmaterie entwickelt. Während das Strafvollstreckungsrecht (*Strafvollstreckung) überwiegend noch in enger Anbindung an das Strafprozeßrecht behandelt wird, ist seit Inkrafttreten des Strafvollzugsgesetzes im Januar 1977 das Strafvollzugsrecht (*Strafvollzug) als weitere selbständig werdende Unterdisziplin hinzugekommen. Im Rahmen der Juristenausbildung gibt es seit den 70er Jahren insoweit als Teil des damals neu eingeführten Wahlfachgruppensystems die mit dem Strafrecht verbundene "Wahlfachgruppe" Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug, teilweise verbunden mit forensischer Psychologie, forensischer Psychiatrie oder Rechtsmedizin, neuerdings auch mit Ordnungswidrigkeitenrecht. Vom Strafprozeßrecht und dem Ordnungswidrigkeitenrecht aus gibt es vor allem in demjenigen Teil des Verfahrens, der als Vorverfahren oder auch Ermittlungsverfahren bezeichnet wird (*Strafverfahren), vielfältige Übergänge zum Polizeirecht, strafrechtsdogmatisch festzumachen an den Problemen der versuchten, der fortgesetzten oder auch der Dauerstraftat sowie an den speziellen Eingriffen und Zwangsmaßnahmen während der Aufklärungsarbeiten bzw. der Durchführung der einzelnen Schritte des Ermittlungsverfahrens.
Über das Beweisrecht und die Beweispraxis gelangt man zur praktischen wie zur wissenschaftlichen *Kriminalistik. Von der Sanktionenlehre und der Strafzumessungsdogmatik ist es nicht weit zur empirischen Sanktionsforschung und Strafzumessungsforschung und damit zu speziellen Bereichen der *Kriminologie. Von dort her erfolgen vielfältige Überschneidungen mit den Gebieten der Rechtstatsachenforschung und der Strafrechtssoziologie. Die Grundprobleme und Detailfragen einer sinnvollen Strafgesetzgebung generell und der jeweilig aktuell erforderlichen Strafrechtsreform führen vom Strafrecht sehr schnell in die Gebiete der *Kriminalpolitik und Gesetzgebungslehre. Seit der Herausbildung des modernen Zweckstrafrechts mit dem Kristallisationspunkt des von Franz von Liszt vorgelegten "Marburger Programms" (1882) wird unter dem Stichwort von der "gesamten Strafrechtswissenschaft", die immer wieder von beiden Seiten bekämpfte Konzeption verfolgt, rechtsdogmatisch und empirisch bzw. erfahrungswissenschaftlich arbeitende wissenschaftliche Fächer oder auch Teildisziplinen unter einem einheitlichen Dach, wenn nicht sogar in einer integrierenden Perspektive zusammenzuführen.

Literatur:
- Baumann, J.: Einführung in die Rechtswissenschaft. 8. Auflage, München 1989.

Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Kriminalistik-Verlages Heidelberg aus der gedruckten Version des Kriminologie-Lexikons, Stand der Bearbeitung: 1991

Hans-Jürgen Kerner
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